Auktion: 516 / Wertvolle Bücher am 31.05.2021 in Hamburg Lot 5


5
Manuskripte
Lektionar. Pergamenthandschrift, Frankreich um 1325-50
Schätzung:
€ 25.000
Ergebnis:
€ 31.250

(inkl. Käuferaufgeld)
Prachtmanuskript aus Avignon

Lektionar
Evangelien-Lektionar für den franziskanischen Gebrauch. Lateinische Handschrift auf Pergament. Frankreich, wohl Avignon, um 1325-50.

- Schönes und vollständiges Evangelien-Lektionar aus Avignon zur Zeit der Gegenpäpste
- Auf hohem Niveau gestaltetes liturgisches Manuskript
- Mit filigranen Prachtinitialen im Stil des Jacquet Maci
- In einem Skriptorium redigiert und vom Korrektor unterzeichnet
- Aus dem Besitz des Kardinals und Bibliophilen Pierre de Foix (1386-1464)


Filigran dekorierter und graphisch hochwertig gestalteter Codex, ein herausragendes Beispiel für die hochentwickelte französische Buchkunst im 14. Jahrhundert. Darüberhinaus ein außergewöhnliches Zeugnis für einen der am wenigsten verstandenen Berufe innerhalb des mittelalterlichen Skriptoriums, die Rolle des Korrektors, der sich hier als "Sy[mon]" bezeichnet.
Inhalt: Fol. 1r: Incipit Ordo evangeliorum fratrum minorum secundum consuetudinem romane ecclesie. Domenica. Prima. de adventu domini .. - Fol. 170v: Explicit: In festo sancti Ludovivi confessore .. Confiteor tibi pater domine celi et terre . - Fol. 171-172: Zwei Gebete, die im 15. Jahrhundert hinzugefügt wurden (Fol. 171r leer). - Ein zusätzliches Blatt am Ende (Vorsatzblatt) mit einem Text aus dem Johannesevangelium, geschrieben in einer Bastarda formata des späten 15. Jahrhunderts.
In mehreren Abschnitten des Manuskripts erscheinen zwischen den Sätzen die Buchstaben s und c in roter Tinte, was auf eine Rollenteilung zwischen sacerdos (Priester) und chorus oder communio (der Chor bzw. die Gemeinschaft der Mönche) hinweist. Sie kommen in den Texten der Passionszeit vor und weisen auf einen Wechsel in der Rezitation hin, gemäß dem feierlichen und festlichen Charakter der Liturgie dieser Zeit. Eine am Rand hinzugefügte Notiz (Fol. 59) und mehrere Rubriken mit der Anweisung Hec legitur in tono evangelium fordern den Zelebranten auf, mit gelegentlichen Intonationen und Kadenzen zu rezitieren.
Die Dekoration der Handschrift weist alle Zeichen einer professionellen Produktion auf. Prachtvolle Fleuronné-Initialen mit textlangen Goldleisten leiten die großen Feste des Kirchenkalenders ein (wie Christus-, Marien- und Apostelfeste) und zahlreiche kleinere Zierinitialen markieren die Anfänge der übrigen Lesungen. Der Typ dieser Fleuronné-Initialen mit ihrer präzisen, filigranen Federführung und ihren aufwendigen Mustern von hoher Qualität ist vor allem ein Markenzeichen der Pariser Buchillustration. Allerdings deutet die hochwertige Ausführung hier auf eine Reihe von Manuskripten hin, die in Avignon von dem Künstler Jacquet Maci (fl. 1323-45) ausgeschmückt wurden. Er begann seine Karriere in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts am päpstlichen Hof in Avignon und zog später nach Paris, wo er mit den besten Buchmalern zusammenarbeitete, darunter etwa Jean Pucelle (siehe F. Avril in Bulletin Monumental , 129, 1971, S. 249-264, und A. Dondoine in Scriptorium , 29, 1975, S. 127-152).
Eine weitere Verbindung zu Avignon gibt auch das Motto Servire deo regnare est , geschrieben im 15. Jahrhundert in exzellenter kalligraphischer Schrift auf der Rückseite des letzten leeren Blattes. Es ist das Motto von Pierre de Foix (1386-1464), dem franziskanischen Kardinal des Gegenpapstes Benedikt XIII. in Avignon. Er spielte eine herausragende Rolle bei den Bemühungen, das Abendländische Schisma zu beenden und die Einheit der Kirche wiederherzustellen. Ihm gelang auch die Rückführung der päpstlichen Bibliothek von Spanien nach Avignon und von dort nach Rom. Pierre hatte eine Vorliebe für aufwendig verzierte Manuskripte, für die er "mehr als 1000 Goldstücke" ausgegeben haben soll. Den größten Teil seiner Sammlung vermachte er dem von ihm gegründeten Collège de Foix in Toulouse (heute in Paris, BnF).
Die vorliegende Handschrift ist ein prachtvolles Zeugnis für die hochentwickelte französische Buchkunst des 14. Jahrhunderts in all ihren Aspekten. Ein seltener Glücksfall ist die Tatsache, daß am Ende jeder Lage die winzige Signatur des Korrektors stehengelassen und nicht - wie sonst üblich - gelöscht wurde: Cor[rectio] p[er] Sym[one] . Simon könnte also ein professioneller Aufseher, oder modern gesprochen Lektor in einem gut organisierten Skriptorium gewesen sein. So erhalten wir einen Einblick in die komplexe arbeitsteilige Herstellung eines anspruchsvollen Manuskripts, wo jede fertig geschriebene Lage vom Korrektor geprüft und für den nächsten Arbeitsschritt genehmigt wurde - in diesem Fall die künstlerische Ausschmückung mit hochwertigen Fleuronné-Initialen, denn auf Fol. 120v ist deutlich zu erkennen, wie ein langgezogener roter Fadenausläufer die Signatur des Korrektors überdeckt und daher später erfolgt sein muß. Das Manuskript könnte in Avignon von einem Mäzen in Auftrag gegeben und finanziert worden sein. Die prestigeträchtigste franziskanische Einrichtung in Avignon war die Kirche der Cordeliers. Hier fanden viele der großen Familien ihre letzte Ruhestätte, und es ist gut möglich, daß jemand auch einen der Altäre mit einem schönen Lektionar beehrte.

EINBAND: Blindgeprägter Kalblederband des frühen 16. Jahrhunderts über Holzdeckeln. 34,5 : 23,5 cm. - ILLUSTRATION: Insgesamt 82 Seiten mit großen Fleuronné-Initialen in Gold, Rot und Blau mit aufwendigen Fleuronné-Leisten in gleichen Farben entlang der Textspalte. Die Eingangsseite mit großer I-Initiale in Gold und Blau sowie ganzseitig umgeben von schmaler Goldleiste mit filigranen Silhouettenmotiven wechselnd in Gold, Rot und Blau, die untere Leiste dabei diagonal in den Fußsteg verlaufend. Weiterhin mit zahlreichen einzeiligen Fleuronné-Initialen und Paragraphzeichen in Gold, Rot und Blau. - KOLLATION: 172 nn. Bll. (letzte 2 leer), 1 Pergamentbl. am Ende (flieg. Vorsatzbl.). Lagenzählung: I-XIV/12, XV/4. Mit gerahmten Reklamanten. Blattgröße 33 : 23 cm. Schriftspiegel 22 : 14 cm. 18 Zeilen, mit Tinte regliert. Geschrieben in einer sehr regelmäßigen markanten Textualis formata in brauner Tinte, Hervorhebungen in Rot, durchgehend rubriziert. - ZUSTAND: Untere Ränder mit leichten Finger- und Knickspuren, vereinz. kl. restaurierte Pergamentschäden. Für ein liturgisches Manuskript, das viele Jahrzehnte im Gebrauch war, in einem erstaunlich guten Zustand Einband bestoßen und mit Bezugsdefekten, Rücken entfernt (Gelenke weitgehend intakt). - PROVENIENZ: Fol. 172v mit Eintragung des 15. Jhs. "Servire deo regnare est" (Gott zu dienen heißt, zu herrschen), Motto von Pierre de Foix (1386-1464). - Privatsammlung Deutschland.

LITERATUR: Parchment and Gold . Dr. Jörn Günther Rare Books, Kat. 11 (2015), Nr. 9.

Fine and complete gospel lectionary from Avignon at the time of the antipopes. Highly elaborate liturgical manuscript with filigree splendid initials in the style of Jacquet Maci. Revised in a scriptorium and signed by the corrector. From the possession of cardinal and bibliophile Pierre de Foix (1386-1464). - Splendid fleuronné initials with text-long gilt borders introduce the ecclesiastical calendar's feast days while many small decorative initials mark the beginning of all other readings. The elaborate make of this work suggests a connection with a number of manuscripts embellished by the artist Jacquet Maci (fl. 1323-45) in Avignon. Another Avignon reference is the motto ‘Servire deo regnare est’, written in excellent 15th century calligraphic letters on the reverse of the last blank leaf . It is the motto of Pierre de Foix (1386-1464), Franciscan cardinal and antipope of Benedict XIII. in Avignon. He made great efforts to end the Western Schism and to restore the unity of the church. This manuscript is a magnificent document of the highly developed French book art in the 14th century. - The fact that the tiny signature of the corrector was not erased, as it is usually the case, but preserved instead is a real good fortune: Cor[rectio] p[er] Sym[one]. Simon may have been a professional supervisor or, in modern terms, a kind of lector at a well-organized scriptorium. This allows us to gain insight into the complex production method of an elaborate manuscripts for which every completed quire was checked by the corrector and approved for the next step - in this case the artistic embellishment with high-quality fleuronné initials, as fol. 120v clearly shows how a long red yarn outflow covers the corrector's signature and thus must have been executed at a later point. It is well possible that a patron commissioned and financed the manuscript in Avignon. The church of the Cordeliers was the most prestigious Franciscan institution in Avignon and was the last resting-place of many families, which is why it is well possible that someone adorned one of the altars with a nice lectionary. - Early 16th century blind-tooled calfskin over wooden boards. 34.5 : 23.5 cm. 172 unnumbered leaves (last 2 blank), 1 vellum leaf at the end (flying endpaper). Size of sheet 33 : 23 cm. Text area 22 : 14 cm. 18 lines, slugged in ink. - Lower margin with slight traces of thumbing and crease-marks, small isolated restored parchment blemishes. Considering that this is a liturgical manuscript that was in use for many decades it is in an astonishingly good state of preservation. Binding scuffed and with damages on covering, spine removed (joints largely intact).(R)




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Manuskripte
Lektionar. Pergamenthandschrift, Frankreich um 1325-50
Schätzung:
€ 25.000
Ergebnis:
€ 31.250

(inkl. Käuferaufgeld)