Auktion: 540 / Evening Sale am 09.06.2023 in München Lot 20


20
Auguste Rodin
L'Éternel printemps, 1884/1898.
Bronze mit schwarzbrauner Patina
Schätzung:
€ 80.000
Ergebnis:
€ 279.400

(inklusive Aufgeld)
L'Éternel printemps. 1884/1898.
Bronze mit schwarzbrauner Patina.
Rechts hinten mit der Signatur. Links unten mit dem Gießerstempel "F BARBEDIENNE Fondeur". Am Unterrand der Standfläche bezeichnet "P" sowie im Inneren nummeriert und bezeichnet "VL 55", in Tusche mit der Gießerei-Verkaufsnummer "74349 gsi 380" vom 9. Mai 1910. Second état, 4ème réduction. Eines von 69 Exemplaren. 24 x 31,5 x 19 cm (9,4 x 12,4 x 7,4 in).
Lebzeitguss von 1910. Erster Entwurf 1884, Modell 1898, Reduktionen zw. 1898-1918. Gegossen von der Fonderie Barbédienne, Paris.

• Rodins Liebespaare sind Ikonen der modernen Skulptur.
• Entstanden zur Zeit der leidenschaftlichen Beziehung mit der Bildhauerin Camille Claudel.
• Eine der Figurengruppen, die Rodin aus seinem Jahrhundertwerk der "Porte de l'enfer" entwickelt und eigenständig herauslöst.
• Neben dem berühmten "Kuss" und dem "Denker" gehört der "Ewige Frühling" zu Rodins bekanntesten und beliebtesten Werken.
• Mit seinen kraftvollen und einfühlsamen Werken gilt Rodin als einer der herausragendsten Bildhauer der Kunstgeschichte.
• Ausführungen in Marmor befinden sich im Musée Rodin, Paris, im Metropolitan Museum of Art, New York, sowie in der Eremitage, Sankt Petersburg; Bronzeversionen in internationalen Sammlungen wie dem Los Angeles County Museum of Art und im Museum of Fine Arts, Boston
.

Mit einem Zertifikat des Comité Auguste Rodin, Paris, vom 30. Oktober 2010. Die Arbeit wird in den Catalogue critique de l'œuvre sculpté d'Auguste Rodin, herausgegeben von Jérôme Le Blay, unter der Nummer 2010-3301B aufgenommen.

PROVENIENZ:
Privatsammlung Schweiz (um 1970 erworben).
Privatsammlung Schweiz.
Privatsammlung Berlin (2011 erworben, Sotheby's, 9.2.2011).

LITERATUR:
Ionel Jianou, Cécile Goldscheider, Rodin, Paris 1967, S. 98.
John L. Tancock, The Sculpture of Auguste Rodin, Philadelphia 1976, Nr. 32b, S. 244f.
Antoinette Le Normand-Romain, The Bronzes of Rodin, Catalogue of works in the Musée Rodin, Paris 2007, S. 334 (m. Abb., anderes Exemplar).
Sotheby's London, Impressionist and Modern Art Day Sale, Auktion 9.2.2011, Los 122 (m. Abb.).

"Der wirkliche Künstler muss die ganze Wahrheit der Natur ausdrücken, nicht nur die des Äußeren, sondern vor allem die des Inneren. Wenn ein guter Bildhauer einen menschlichen Torso modelliert, stellt er nicht nur die Muskeln dar, sondern das Leben, das diese bewegt.. mehr noch als das Leben.. die Kraft, die sie formt und ihnen Anmut oder Stärke, liebenswürdigen Zauber oder ungestümte Kraft verleiht. [..] Was wir am menschlichen Körper bewundern, noch mehr als seine so schöne Form, ist die innere Flamme, die in ihm zu leuchten scheint."
Auguste Rodin, L'Art, entretiens réunis par Paul Gsell, Paris 1911, S. 156, 237.

Zu den größten Meisterwerken im Schaffen Auguste Rodins gehören seine ineinander verschlungenen, hingebungsvollen Liebespaare. In ihrer Entstehung sind dabei künstlerische und literarische Referenzen sowie autobiografische Aspekte eng miteinander verflochten. 1880 erhält Rodin vom französischen Staat den Auftrag, das Tor für das zukünftige Musée des arts décoratifs zu gestalten, das als "Porte de l’enfer" zum epochalen, sein bildhauerisches Schaffen prägenden Werk wird. Obgleich niemals vollendet, liefert die Beschäftigung mit der literarischen Vorlage, Dantes Inferno aus der "Göttlicher Komödie", ein unerschöpfliches Repertoire an Figuren, Formen und Motiven. Bis ans Ende seines Lebens dauert seine Faszination für die in den Kreisen der Hölle beschriebenen Sehnsüchte, Wünsche und Leidenschaften, die die menschliche Existenz in all ihrer Tiefe und Tragik des Fühlens und Denkens erkunden. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Liebe und Leidenschaft, insbesondere in ihrer körperlichen Ausprägung. Das Liebespaar Paolo und Francesca, im Kuss vereint beim Ehebruch überrascht und vom eifersüchtigen Ehemann erstochen, erscheinen bei Dante und auch bei Rodin als vom Wind vor sich hergetriebene schattenhafte Körper; die beiden bilden im Höllentor eine der berührendsten und zentral positionierten Gruppen. 1883 trifft Rodin auf die hochtalentierte Bildhauerin Camille Claudel, die zunächst als Schülerin, anschließend als künstlerische Mitarbeiterin in sein Atelier eintritt. Die beiden verbindet schon nach kürzester Zeit eine amour fou, ungehindert der Tatsache, dass Rodin ein verheirateter Mann ist. In den 1880er Jahren setzt sich Rodin mit allen Nuancen der Liebe auseinander, sinnliche Intimität, verehrende Anbetung, Flüchtigkeit und Verlassenwerden inspirieren ihn zu großartigen Werken wie "Le Baiser" (ursprünglich auch "Francesca da Rimini"), "Éternelle idole" oder "Fugit amor". "L’Éternel printemps", der ewige Frühling, zeigt den Moment des hingebungsvollen Kusses in den für Rodin so typischen fließenden Formen, in denen das Werden und Vergehen der Bewegung in impressionistischer Augenblicklichkeit festgehalten zu sein scheint. Die Verschmolzenheit mit dem Stein verweist als künstlerische Position auf Michelangelos Non-finito, die Zartheit der Berührung auf Antonio Canovas berühmte Gruppe "Amor und Psyche" im Louvre. Den gebogenen Körper der Frau, modelliert nach seinem bevorzugten Modell Adèle Abruzzesi, die er wegen ihrer schlanken und biegsamen Körperlichkeit schätzt, integriert er ebenfalls in der linken oberen Ecke des Tympanons in der "Porte de l’Enfer". Ihren Torso hatte er schon 1882 in Ton modelliert, ein Material, das er wegen seiner Weichheit und Elastizität am meisten favorisiert. Ausgeführt werden die Skulpturen darüber hinaus in Gips, Marmor und Bronze, bei der im Spiel von Licht und Schatten, der lebendigen Patina und der glatten Oberfläche die Sinnlichkeit von Rodins Arbeiten besonders augenfällig ist. Wie um die erotische Ausstrahlung etwas öffentlichkeitskonformer zu halten, wird "L’Éternel printemps" unter dem mythologischen Titel "Amour et Psyche" 1897 erstmals im Pariser Salon de la Société Nationale des Beaux-Arts ausgestellt. Aufgrund des enormen Erfolges des Motivs – neben dem "Kuss" und dem "Denker" eines der bekanntesten und beliebtesten Werke – schließt Rodin mit der renommierten Fonderie Barbédienne, die bei den großen Industrieausstellungen mehrfach für ihre Herstellungsweisen ausgezeichnet worden war, einen Exklusivvertrag über die Herstellung von Bronzegüssen des "Ewigen Frühlings". [KT]



20
Auguste Rodin
L'Éternel printemps, 1884/1898.
Bronze mit schwarzbrauner Patina
Schätzung:
€ 80.000
Ergebnis:
€ 279.400

(inklusive Aufgeld)