Auktion: 540 / Evening Sale am 09.06.2023 in München Lot 24


24
Otto Mueller
Mädchen auf dem Kanapee, 1914.
Leimfarbe auf Rupfen auf Leinwand kaschiert
Schätzung:
€ 650.000
Ergebnis:
€ 825.500

(inklusive Aufgeld)
Mädchen auf dem Kanapee. 1914.
Leimfarbe auf Rupfen auf Leinwand kaschiert.
Pirsig-Marshall / von Lüttichau G1914/05 (104). Rechts unten monogrammiert. 60 x 106 cm (23,6 x 41,7 in). [EH].

• Kein Gemälde Otto Muellers von so faszinierender Schönheit und subtiler Erotik ist bisher auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten worden.
• Otto Mueller malt seine Frau Maschka in selbstbewusster, lasziver Pose.
• Im Schicksalsjahr 1914 malt er Maschka, die ihm ein Leben lang eng verbunden bleibt.
• Durch die matte Leimfarbe auf Rupfen erzeugt Otto Mueller eine zu seiner Zeit besondere, progressive Ästhetik.
• Farbigkeit, Perspektive und Bildausschnitt dieses Gemäldes sind außergewöhnlich modern.
• Schon 1919 auf seiner ersten umfassenden Einzelausstellung bei Paul Cassirer ausgestellt
.

PROVENIENZ: Walter Klauser, o. O. (1919, möglicherweise, Dr. Walter Klauser, Zürich).
Friedrich Carl Siemens, Berlin (erworben in den 1930er Jahren in Berlin, in Familienbesitz bis 1999).
Privatbesitz Europa (erworben über Sotheby's 1999).

AUSSTELLUNG: Otto Mueller, Galerie Paul Cassirer, Berlin, Apr./Mai 1919, Kat.-Nr. 12.
Otto Mueller, Eine Retrospektive, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München / Museum Folkwang, Essen, 21.3.-22.6.2003, Kat.-Nr. 176 (m. Farbabb.).

LITERATUR: Ja! Stimmen des Arbeitsrates für Kunst in Berlin, Berlin 1919, Kat.-Nr. 5 (m. Abb.).
B. A. Aust, Otto Mueller. Eine Monographie in Bildern, Breslau 1925, S. 10, Abb. (nicht erschienen).
Sotheby's, London, Auktion 6.10.1999, Los 121 (hier: Reclining Girl).
Lüttichau/Pirsig, Werkverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen (CD-Rom), München 2003 / Essen 2007/08.

".. ich kann nur malen, was ich liebe“
Otto Mueller (nach Emmy Mueller, Erinnerungen an Otto Mueller, Mitte der 50er Jahre, S.28, Kopie Archiv Florian Karsch, Berlin.)

Hauptziel meines Strebens ist, mit größtmöglicher Einfachheit Empfindungen von Landschaft und Mensch auszudrücken; mir vorbildlich, auch für das rein handwerkliche, war und ist jetzt die Kunst der alten Ägypter.
Otto Mueller (in: Katalog seiner Werkschau in der Galerie Paul Cassirer in Berlin 1919)

".. ich kann nur malen, was ich liebe“, hatte Otto Mueller einmal seiner Schwester Emmy anvertraut. Dieser Satz, wörtlich genommen, lässt sich an vielen Beispielen im Werk von Otto Mueller, so auch hier, nachvollziehen. Otto Muellers Besonderheit im Umgang mit Personen, die er malt, zeigt sich auch darin, dass er vorwiegend ihm vertraute Mitmenschen, vor allem seine jeweilige Lebenspartnerin bevorzugt, wie hier seine Frau Maschka (Maria Meyerhofer). Er lernt sie 1899 in Dresden kennen, sie ist von Beginn an sein wichtigstes Modell. Otto Mueller malt "seine" Maschka, die sich entspannt, mit leicht aufreizendem, lächelndem Blick auf einem Kanapee im Berliner Atelier räkelt, das rechte, entblößte Bein aufgestellt, mit dem rechten Arm ihren Kopf abstützend.

Karl Scheffler, der bisweilen messerscharfe Kunstkritiker und Publizist, nimmt die Ausstellung bei Paul Cassirer zum Anlass, sich auf Otto Mueller ausführlich einzulassen und über dessen Eigenschaften festzustellen: "Da ist vor allem die Fähigkeit des Malers, sinnliche Eindrücke unmittelbar zu verwerten und dem anmutig Schönen das Charakteristische zu erhalten. Überall spürt man dieses sinnliche Erlebnis; durch den Stil dringt allerenden die Natur. Ein Element des Grotesken verhindert es, dass das Anmutige sentimental wird. Dem Konventionellen, wozu diese Art von Kunst immer neigt, begegnet etwas menschlich Unmittelbares. Und diese Unmittelbarkeit wird von Jahr zu Jahr stärker; das beweist ein vergleichender Blick schon auf die Arbeiten früherer Jahre und auf die der letzten Zeit." (in: Kunst und Künstler, Nr. 17, Berlin 1919, S. 349-556).

Otto Muellers "Fähigkeit, sinnliche Eindrücke unmittelbar zu verwerten und dem anmutig Schönen das Charakteristische zu erhalten" ist vielleicht auch ein Schlüssel dafür, wie weitläufig informiert und Gesehenes er mit dieser unmittelbaren Nahsicht in Einklang bringt, etwa mit dem provokanten "Nu bleu, souvenir de Biskra" betitelten Bild von 1907 von Henri Matisse. Im Januar 1909 mit einer umfangreichen Ausstellung des Franzosen in der Galerie Paul Cassirer zu sehen, hat sich dieser Akt in die Köpfe der Jüngeren quasi eingebrannt und wird noch Jahre später, wie hier auch, von Otto Mueller in seiner Anmutung rezipiert. Die Bedeutung unseres Gemäldes ergibt sich auch aus der Tatsache, dass dieses schon 1914 gemalte Werk für Muellers erste umfassende Einzelausstellung 1919 in der berühmten Berliner Galerie von Paul Cassirer ausgewählt wird. Der Katalog, wohl rechtzeitig zu Beginn der Ausstellung im April 1919 erschienen, führt 37 Gemälde auf, geordnet nach den Entstehungsjahren von 1912 bis 1919. Von diesen 37 Gemälden standen demnach 17 bereits zu Beginn der Ausstellung nicht mehr zur Disposition: Zehn Arbeiten befanden sich schon in "Privatbesitz", so auch dieses "Mädchen auf dem Kanapee". Vier Gemälde wurden als unverkäuflich und drei Arbeiten als Leihgaben aus dem "Museum Essen" deklariert. Neben den 37 Gemälden waren in der Ausstellung bei Cassirer auch Zeichnungen und Lithografien zu sehen; der Katalog verweist aber nur summarisch auf diese Tatsache hin.

Eine Würdigung der Person Otto Muellers, der soeben den Ruf an die Kunstakademie in Breslau als einziger ehemaliger "Brücke"-Künstler erhalten hatte, suchen die Erwerber des bebilderten Kataloges vergeblich; nur eine kurze Selbstbiografie nebst eigener Charakterisierung seiner Arbeit findet sich abgedruckt, die da lautet: "Am 16. Oktober 1874 bin ich in Liebau in Schlesien geboren. Im 20. Lebensjahr kam ich auf die Akademie nach Dresden und studierte dort 2 Jahre. Die darauffolgende Zeit war ich im Riesengebirge bis vor zehn Jahren, wo ich nach Berlin übersiedelte. – Hauptziel meines Strebens ist, mit größtmöglicher Einfachheit Empfindungen von Landschaft und Mensch auszudrücken; mir vorbildlich, auch für das rein handwerkliche, war und ist jetzt die Kunst der alten Ägypter. Otto Mueller".

"Mädchen auf dem Kanapee" von 1914 ist im Jahr 1919 in "Privatbesitz"! Hier können wir nur spekulieren, wer sich als Leihgeber für die Ausstellung bei Cassirer entscheidet. Ein "Walter Klauser" ist in den Akten überliefert, der dieses feinfühlige und zugleich offensive Bildnis Maschkas für die Ausstellung als Leihgabe zur Verfügung stellt, nicht aber über Cassirer verkaufen lässt. Vielleicht ist es jener Walter Klauser aus Zürich, der 1916 mit der Untersuchung "Die Entwicklung der Raum-Auffassung beim Kind. Eine Untersuchung an Hand von Kinder-Zeichnungen" promoviert wird? Wie das Werk dann in den 1930er Jahren in die Sammlung von Friedrich Carl Siemens eingeht, ist heute nicht mehr festzustellen – in dessen Familie jedenfalls verbleibt es bis 1999.

Otto Muellers beharrlicher Rückgriff auf immer gleiche Sujets wie hier lässt den Künstler im Vergleich mit seinen Zeitgenossen als schöngeistigen, weltfremden Sonderling erscheinen. Paul Westheim, der Berliner Kunstkritiker, Kunstsammler, Journalist und Schriftsteller, vergleicht dieses empfindsame Aufnehmen und Erzählen der intimen und zugleich melancholischen Motive einmal mit dem Belauschen des "Seins in seiner Zuständlichkeit". An einer anderen Stelle beschreibt Westheim die Malerei seines Freundes: "Es ist die Kunst der Nuance, die auch mit einer gewissen Feinfingrigkeit ertastet werden will." (zit. nach: Das Kunstblatt, Heft 2, Potsdam 1918, S. 129-141).
Otto Muellers fehlende Stellungnahme zum Zeitgeist – eine Ausnahme bildet die Thematisierung des Zigeunerlebens in seinem Œuvre –, die offensichtliche Negierung des Alltäglichen oder gesellschaftlichen Lebens, kurzum das Fehlen von Ecken und Kanten, beeinflusst schon die zeitgenössischen Feuilletonschreiber in der Einschätzung und Bewertung seiner Malerei zwischen offenkundiger Bewunderung und höflicher Anerkennung. In seiner Einleitung zur Einzelausstellung in der Kestner-Gesellschaft Hannover 1956 konstatiert der damals junge Kurator Werner Schmalenbach Otto Muellers Bildern treffend eine "jünglingshafte Verträumtheit" und eine "volle Leidenschaftlichkeit der Jugend". "Innerhalb des deutschen Expressionismus beziehen seine Bilder weniger durch ihre 'Kühnheit' als durch die Stille, aber eindringliche Qualität ihren Rang [..] oftmals von faszinierender Schönheit; sie hat ihren Wert als 'peinture' eher denn als Exaltation des Ausdrucks.“ (Werner Schmalenbach, Otto Mueller, Kestner-Gesellschaft, Hannover 1956, S. 3) An dieser, unseren Blick auf das Werk Otto Muellers ermunternden Aussage hat sich bis heute nichts geändert, und besonders nichts bei dieser wunderbaren peinture: Otto Muellers Malerei ist zeitlos! [MvL]



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Otto Mueller
Mädchen auf dem Kanapee, 1914.
Leimfarbe auf Rupfen auf Leinwand kaschiert
Schätzung:
€ 650.000
Ergebnis:
€ 825.500

(inklusive Aufgeld)