Auktion: 550 / Evening Sale am 07.06.2024 in München Lot 124000078


124000078
Oskar Kokoschka
Private Property, 1939/40.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 120.000 - 180.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Private Property. 1939/40.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten monogrammiert. Verso auf der Leinwand signiert "PRIVATE PROPERTY by OK 1939" sowie mit rundem [Zoll-?]Stempel. Verso auf dem Keilrahmen mit Ausstellungsetikett von 1953, nummeriert "1294", einem Etikett von James Bourlet & Sons, London, nummeriert "G 1073" sowie handschriftlichen Nummerierungen "473 [durchgestrichen]", "52" und bezeichnet "Holland". 63 x 76 cm (24,8 x 29,9 in).
[KT].

• Entstanden im Jahr nach der Emigration Kokoschkas nach England.
• Kokoschka bezieht im Exil künstlerisch und politisch Position gegen das Nazi-Regime, das seine Werke als "entartet" verfemt und zerstört.
• Das Exil in Prag und London nimmt im Werk Kokoschkas einen wichtigen Platz ein und eröffnet motivisch neue Dimensionen.
• Lückenlose Provenienz: seit Erwerb bei der Benefiz-Lotterie 1954 in einer Privatsammlung.
• Gezeigt bei den wichtigsten Ausstellungen, die Kokoschka nach dem Krieg wieder ins Licht des Geschehens rücken: der Retrospektive in Zürich 1947 und der Einzelausstellung bei der ersten Nachrkiegs-Biennale von Venedig 1948.
• Wichtige zeitkritische Gemälde dieser Werkphase befinden sich in der Tate Gallery, London, in der Nationalgalerie Prag sowie im Kunsthaus Zürich.
• Mit seinem künstlerisch sowie gesellschaftspolitisch relevanten Werk nimmt Kokoschka in der Nachkriegszeit an der documenta 1 (1955), der documenta II (1959) und der documenta III (1967) teil
.

PROVENIENZ: Besitz des Künstlers, London / Cornwall / Schottland (bis 1953: Stiftung zugunsten der Benefizlotterie "Kunstenaars helpen" für die Opfer der holländischen Flutkatastrophe).
Privatsammlung Niederlande (seit 1954, bei vorgenannter Benefizlotterie erhalten).
Seither in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Exhibition of contemporary continental art. Paintings, water-colors, sculptures, including a monumental work by Henryk Gotlib Warsaw, J. Leger Gallery, London, 3.7.-2.8.1941, Nr. 24.
Meisterwerke aus Österreich. Zeichnungen, Gemälde, Plastik, Kunsthaus Zürich, Nov. 1946-Feb. 1947, Nr. 473.
Oskar Kokoschka, Kunsthaus, Zürich, 3.7.-31.8.1947, Nr. 52.
XXIV. Biennale di Venezia. Oskar Kokoschka: Mostra personale, 6.6.-30.9.1948, Nr. 16.
Kunstenaars helpen, Stedelijk Museum, Amsterdam, Februar 1953 (verso mit dem Etikett, Nr. 1294).
Oskar Kokoschka. Humanist und Rebell, Kunstmuseum Wolfsburg, 26.4.-17.8.2014, S. 256, 305 (m. Abb. S. 268-269).

LITERATUR: Fondation Oskar Kokoschka, Vevey, Online-Werkkatalog der Gemälde von Oskar Kokoschka, WVZ-Nr. 1939/6, https://www.oskar-kokoschka.ch/de/1020/1144/Private%20Property.
Johann Winkler, Katharina Erling, Oskar Kokoschka. Die Gemälde, Salzburg 1995, WVZ-Nr. 346 (m. Abb.).
Hans M. Wingler, Oskar Kokoschka. Das Werk des Malers, Salzburg 1956, S. 62, WVZ-Nr. 320 (m. Abb. Taf. 100).
Edith Hoffmann, Kokoschka. Life and work, London 1947, S. 224, 233-234, WVZ-Nr. 290 (m. Abb. Taf. LXXV).
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Michelangelo Masciotta, Le ultime pitture di Kokoschka, in: Il mondo europeo, Rom, Florenz, 1947, Nr. 46, 1. Juli.
Joseph P. Hodin, Oskar Kokoschka. Sein Leben - seine Zeit, Berlin/Mainz 1968, S. 56.
Oskar Kokoschka, Mein Leben. Vorwort und Mitarbeit von Remigius Netzer. München 1971, S. 252.
Diether Schmidt, Oskar Kokoschka zum 90. Geburtstag, in: Bildende Kunst, Berlin (DDR), Jg. 24, 1976, Heft 3, S. 127-130, hier S. 130.
Gisela Seeger (Hrsg.), Exil in der Tschechoslowakei, in Großbritannien, Skandinavien und in Palästina, Leipzig 1980, S. 278.
Lucia Bortolon, La cultura politica di Oskar Kokoschka. Analisi della produzione 1934-1946, Mailand 1984, S. 44 (m. Abb.)
Diether Schmidt, Partisan Oskar Kokoschka, in: Michael Nungesser (Hrsg.), Kunst im Exil in Großbritannien 1933-1945, Ausst.-Kat. Orangerie, Schloss Charlottenburg, Berlin, 10.1.-23.2.1986, S. 192.
Frank Whitford, Oskar Kokoschka. A life, London 1986,S. 177.
Robert Radford, Kokoschka's political allegories, in: Art Monthly, London, Nr. 97, Juni 1986, S. 3.
Magarete Stone, Oskar Kokoschka in British Exile, in: Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser [u.a.] (Hrsg.), Literatur und Kultur des Exils in Großbritannien, Wien 1995, S. 86-101, S. 93.
Susanne Keegan, The eye of God. A life of Oskar Kokoschka. London 1999, S. 202-203.
Heinz Spielmann, Oskar Kokoschka. Leben und Werk, Köln 2003, S. 355-356.
Patrick Werkner, Gloria Sultano, Oskar Kokoschka. Kunst und Politik 1937-1950, Wien 2003, S. 150, 152, 302, 305.
Oskar Kokoschka, Mein Leben, Wien 2008, S. 244-245.
Heinz Spielmann, "Ein politischer Mensch" - Oskar Kokoschkas Kritik an Staat und Gesellschaft, in: Oskar Kokoschka - Expressionist, Migrant, Europäer. Eine Retrospektive, Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich/Leopold Museum Wien, Heidelberg/Berlin 2018, Abb. S. 223.

ARCHIVALIEN:
1379 Frans Hals Museum te Haarlem, 1.3. Tentoonstellingen gehouden in het museum Huis van Looy, 1949-1967, 134 “Kunstenaars helpen" t.b.v. de slachtoffers van de watersnood, 12 september-4 oktober 1953, Trekkingslijst van de Nationale lotterij „Kunstenaars helpen“, 7. April 1954, Noord-Hollands Archief, Haarlem, URL: https://proxy.archieven.nl/0/C65FE1E4D9124E55867F2892BF27BF0C, Dateien: NL-HlmNHA_1379_134_0014 bis NL-HlmNHA_1379_134_0016.


"Ich malte damals eine Reihe von 'politischen' Bildern, nicht weil ich politisch engagiert gewesen wäre, sondern in der Absicht, die Augen anderer zu öffnen."
Oskar Kokoschka, Mein Leben, Wien 2008, S. 250.

1934 siedelt Oskar Kokoschka nach dem Tod seiner Mutter und dem Aufstieg der Nationalsozialisten von Wien nach Prag um. Dort lernt er seine spätere Frau, die 19-jährige Juristin Olda (Oldriska) Aloisie Palkovská (1915–2004) kennen und nimmt im darauffolgenden Jahr die tschechische Staatsbürgerschaft an. In Deutschland wird er während der kommenden Jahre als Künstler verfemt, als "Entartetster unter den Entarteten" und als Hitlers "Kunstfeind Nr. 1" diffamiert. Über 600 seiner Arbeiten werden durch das NS-Regime aus deutschen Museen entfernt, zerstört oder devisenbringend in die Schweiz verkauft. Als im Juli 1937 die erste Station der Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst" in München ihre Türen öffnet, ist Kokoschka prominent vertreten. Zeitgleich findet in Wien noch die erste museale Retrospektive des 51-jährigen Künstlers statt, der zu der Zeit als Professor an der Prager Akademie tätig ist.
Im März 1938 marschieren deutsche Truppen in Österreich ein und verkünden den "Anschluss". Als am 29. September das Münchner Abkommen von Frankreich, Großbritannien und Italien unterzeichnet wird, das die westlichen, von Deutschen besiedelten Gebiete der Tschechoslowakei ebenfalls dem Deutschen Reich "eingliedert", sitzen Kokoschka und seine Frau auf gepackten Koffern. Am 18. Oktober ist es schließlich so weit: "Eines Tages überraschte mich Olda mit der Nachricht: Morgen früh werden zwei Flugplätze nach London zufällig frei. Sie hatte sie gebucht, ohne mich erst zu fragen. Das war gut, denn vermutlich würde ich sonst heute nicht mehr leben." (Oskar Kokoschka, Mein Leben, Wien 2008, S. 241). Hals über Kopf brechen die beiden nach England auf, wo sie zunächst in einem billigen boarding house in London unterkommen.

Im August 1939 zieht das Paar in dem Fischerdorf Polperro an der Südküste Cornwalls in ein kleines Cottage, "auch weil es dort billiger war als im überfüllten London und wir dort reine Meeresluft atmen konnten. Wir wohnten in einem Blockhaus auf den Klippen, die aus dem Ozean herausragen. Leider wurde aus militärischen Gründen bald ein Verbot erlassen, im Freien zu malen; so machte ich am Strand Skizzen mit Buntstiften." (ebd. S. 244).
Kokoschka befindet sich in einer tiefen Schaffenskrise, und nahezu mittellos waren sie in England angekommen. Zur Überbrückung verkauft Olda in Polperro ihre Backwaren an Dorfbewohner und Touristen. Die Landschaft inspiriert Kokoschka jedoch zu neuen Arbeiten, die sich mehr und mehr vom unpolitischen zu allegorischen Schlüsselbildern entwickeln. Am 15. März waren deutsche Panzer in Prag eingerollt und hatten das restliche tschechische Gebiet annektiert. In dieser spannungsreichen Phase entsteht im Sommer das von Kokoschka mit dem sarkastischen Titel versehene Gemälde, in dem er die politische Situation künstlerisch zu bewältigen versucht. Die englische Appeasement-Politik, die die sich bereits abspielenden Katastrophen auf dem Festland in sicherer Entfernung gleichsam abwartend und Tee trinkend beobachtet, empört den Künstler. "Damals malte ich auf dem Vorplatz unseres Hauses eine große Krabbe, die mir jemand geschenkt hatte und die bereits übel roch. Ein anderes Bild war 'Private Property': eine Katze, die tote Fische bewacht, im Hintergrund eine Rentnerin mit Schirm und Täschchen, die ihren Verdauungsspaziergang am Strand macht. Ich wunderte mich, wie phlegmatisch die Engländer eigentlich waren, die den kommenden Krieg nicht wahrnahmen, während auf dem Kontinent die Menschen sich wie Schafe in Panik vom Führer in den Abgrund treiben ließen." (ebd., S. 244f.).
Auf den Felsen hatte er eine alte Dame beobachtet, die sich dort immer zum Stricken niedergelassen hatte – wie in einer Tierfabel verleiht er ihr einen Katzenkopf. England ist kein kämpferischer Löwe, sondern ein gezähmter Stubentiger, wie die von den typischen Urlaubspostkarten grüßende Katze. Im Vordergrund verenden zwei ans Ufer gespülte Fische, wie die beiden Flüchtlinge Oskar und Olda, links warten bereits die Ratten auf ihr Mahl. In der engen Hafenbucht von Polperro mag Kokoschka oft selbst sorgenvoll den Blick Richtung Europa gerichtet haben, wie der Ausblick im gleichsam als inhaltliches Pendant zu verstehenden Gemälde "Die Krabbe" suggeriert. Der englische Premierminister Neville Chamberlain als monströs perspektivisch verzerrtes Schalentier blickt dem Schwimmer, wohl ein Selbstporträt Kokoschkas und als Personifikation der Tschechoslowakei lesbar, beim Ertrinken zu. Nach dem Überfall auf Polen am 1. September erfolgt schließlich die Kriegserklärung Großbritanniens. Die Küste wird nach der Besetzung der Niederlande, Belgiens und Frankreichs im Mai/Juni des Jahres darauf zum Sperrgebiet erklärt, weshalb Ausländer, so auch Kokoschka und seine Frau, landeinwärts ziehen müssen – zurück nach London.

Zeitlebens stellt Kokoschka seine Kunst immer wieder in den Dienst des guten Zwecks, bspw. spendet er Erlöse seiner politischen Gemälde dem Free Austrian Movement. So auch anlässlich der Flutkatastrophe, die in der Nacht vom 31. Januar auf Sonntag, den 1. Februar 1953 die Küste Hollands und Teile der Küste Großbritanniens verwüstet. Die unerwartete und unangekündigte Sturmflut fordert viele Todesopfer und vernichtet zahlreiche Existenzen. In ganz Europa ist das Entsetzen groß und zieht eine Welle der Solidarität in Form von Benefizveranstaltungen und Spendensammlungen nach sich. In den Niederlanden schließen sich die Künstlerverbände zusammen, um eine Ausstellung mit Benefiz-Lotterie zu organisieren. Nationale und internationale Künstler stellen 1.326 Werke zur Verfügung, darunter Zeichnungen, Aquarelle, Gemälde und Skulpturen. Mit Beiträgen von renommierten Künstlern wie Alexander Calder, Marc Chagall, Massimo Campigli, Henri Rouault, Fernand Léger, Germaine Richier, Georges Braque, Henry Moore und auch Kokoschka steigt der Anreiz, für ein Los à 1 Gulden mit etwas Glück ein hochkarätiges Werk zu gewinnen. Unter dem Titel "Kunstenaars helpen" findet eine Wanderausstellung durch holländische Museen statt, während der die Lose verkauft werden, beginnend Mitte Februar im Stedelijk Museum in Amsterdam. 1954 endet sie im Rijskmuseum, wo Prinz Bernhard als Vorsitzender des Nationalen Katastrophenfonds die bei der Aktion gesammelten 108.000 Gulden entgegennimmt. Nach Ende der Ausstellung findet am 7. April 1954 die Ziehung der Lose und die Veröffentlichung der Ergebnisliste statt. Das Los mit der Nr. 84104 gewinnt das Kunstwerk Nr. 1294 – Kokoschkas noch aus England eingeliefertes Gemälde "Private Property". Aus dieser Sammlung wird es nun hier angeboten. [KT]



124000078
Oskar Kokoschka
Private Property, 1939/40.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 120.000 - 180.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.