Auktion: 554 / Modern Art Day Sale am 08.06.2024 in München Lot 122000558


122000558
Ernst Ludwig Kirchner
Kopf Dichter Leonhard Frank I, 1917.
Holzschnitt
Schätzpreis: € 18.000 - 24.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Kopf Dichter Leonhard Frank I. 1917.
Holzschnitt.
Signiert und bezeichnet "Eigendruck". Verso betitelt "Dichter Frank". Eines von nur 6 bekannten Exemplaren dieses Druckzustands und von insgesamt nur 7 bekannten Exemplaren dieses Holzschnitts. Auf Blotting-Papier. 42 x 26 cm (16,5 x 10,2 in). Papier: 58,7 x 38,5 cm (23 x 15,1 in).
[CH].

• Eines von nur sechs bekannten Exemplaren dieses Druckzustands, von denen sich zwei in Museumsbesitz befinden: in der Sammlung des Städel Museums, Frankfurt a. Main, und des Buchheim Museums, Bernried.
• Das einzige Exemplar dieses bedeutenden druckgrafischen Porträts aus der Davoser Zeit, das bisher auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten wurde.
• 1917 entstehen 13 Holzschnitte, die heute zu den Höhepunkten in Kirchners grafischem Œuvre gezählt werden
.

PROVENIENZ: Sammlung Hermann Gerlinger, Würzburg (mit dem Sammlerstempel, Lugt 6032).

AUSSTELLUNG: Kunstmuseum Moritzburg, Halle an der Saale (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2001-2017).
Buchheim Museum, Bernried (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2017-2022).

LITERATUR: Gustav Schiefler, Die Graphik Ernst Ludwig Kirchners, Bd. 2 (1917-1927), Berlin-Charlottenburg 1931, WVZ-Nr. H 305.
Annemarie u. Wolf-Dieter Dube, E. L. Kirchner. Das graphische Werk, München 1967, WVZ-Nr. H 322 II (von II).
Günther Gercken, Ernst Ludwig Kirchner. Kritisches Werkverzeichnis der Druckgraphik, Bd. 4 (1917-1919), Bern 2015, WVZ-Nr. 877 II (von II, m. Abb.).
--
Leonhard-Frank-Gesellschaft (Hrsg.), 20 Jahre Leonhard-Frank-Gesellschaft (Schriftenreihe), Heft 10, Würzburg 2002, S. 10 (m. Abb., Nr. 3, S. 11).
Frankenland. Zeitschrift für fränkische Landeskunde, August 2001, Heft 4, S. 267ff. (m. Abb., Nr. 35).
Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger, Halle (Saale) 2005, S. 346, SHG-Nr. 777 (m. Abb.).

1917 verbringt E. L. Kirchner die Sommermonate erstmals auf der Stafelalp, oberhalb von Davos. Nach den psychischen Strapazen während und nach seinem Dienst bei der Armee versucht der Künstler seine Erschöpfung und seine Angstzustände mit Alkohol, Medikamenten und Zigaretten zu betäuben. Mental und körperlich ist er in diesen Monaten schließlich so stark angeschlagen, dass ihm das Malen und Arbeiten nicht möglich ist. Nach einem Besuch bei Kirchner in Davos vermittelt ihn sein befreundeter Mäzen und Sammler Henry van de Velde bestürzt und besorgt an einen befreundeten Arzt, den Psychiater Dr. Ludwig Binswanger im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen am Bodensee. Ab September 1917 weilt Kirchner deshalb am Bodensee und vermeldet bereits nach wenigen Wochen eine deutliche Verbesserung seines Zustands. Die Tiefen seiner Krankheit scheinen überwunden, voller Eifer beginnt er wieder zu arbeiten, widmet sich Zeichnungen und Gemälden, porträtiert Ärzte, Krankenschwestern, Patienten und Besucher.
Zu ebendieser Zeit lernt Kirchner den u. a. für seinen Roman "Die Räuberbande" bekannten Schriftsteller Leonhard Frank (1882–1961) kennen, der zwar in diesen Monaten selbst nicht Patient im Sanatorium ist, Dr. Binswanger jedoch aufgrund früherer Aufenthalte weiterhin besucht und bei dieser Gelegenheit von Kirchner mehrfach porträtiert wird. Frank hatte kurz zuvor sein Werk "Der Mensch ist gut" veröffentlicht, eine Sammlung radikal pazifistischer Novellen, welche die Grauen des Krieges beschreiben und ein lautes, berührendes Plädoyer für den Frieden halten. In Deutschland werden sie schon bald verboten werden und Frank flieht 1915 in die Schweiz.
In Frank mag Kirchner eine verwandte Seele erkannt haben, einen Gleichgesinnten, der seine Emotionen im geschriebenen Wort verarbeitet – während Kirchner seinen Schmerz in seinem malerischen und druckgrafischen Schaffen zu überwinden sucht. Er porträtiert den Schriftsteller in Holzschnitten, Zeichnungen und einem Ölgemälde (Gordon 495).
"Kopf Dichter Leonhard Frank I" entsteht zu einer für den Künstler sehr herausfordernden Zeit und beinhaltet die für Kirchners damaliges künstlerisches Schaffen so charakteristische emotionale Intensität und Expressivität. [CH]



122000558
Ernst Ludwig Kirchner
Kopf Dichter Leonhard Frank I, 1917.
Holzschnitt
Schätzpreis: € 18.000 - 24.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.