Auktion: 496 / Evening Sale am 06.12.2019 in München Lot 100


100
Renée Sintenis
Großes grasendes Fohlen, 1929.
Bronze mit grünlicher Patina
Schätzung:
€ 80.000
Ergebnis:
€ 82.500

(inkl. Käuferaufgeld)
Großes grasendes Fohlen. 1929.
Bronze mit grünlicher Patina.
Berger/Ladwig 111. Buhlmann 139. Mit dem Namenszug auf der Plinthe. Hinten an der Plinthenkante mit dem Gießerstempel "GUSS H.NOACK BERLIN FRIEDENAU". Einer von ca. 10 Vorkriegsgüssen. Mit Plinthe: 77,5 x 65 x 27 cm (30,5 x 25,5 x 10,6 in).
Gegossen von der Bildgießerei Noack, Berlin-Friedenau.
Weitere Abbildungen und ein Video dieses Werkes finden Sie auf unserer Homepage. [SM].
• Eine der wenigen großfigurigen Bronzen von Renée Sintenis.
• Lebzeit- und Vorkriegsguss.
• In zahlreichen Publikationen zur Künstlerin abgebildet.
• Künstlerin des Berliner Bären (1956)
.

Mit einem Gutachten von Dr. Ursel Berger, Berlin, vom 23. August 2019.

PROVENIENZ: Galerie Vömel (Januar 1937, wohl direkt von der Künstlerin erhalten).
Privatsammlung (im Januar 1937 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (durch Erbschaft vom Vorgenannten).

AUSSTELLUNG: Ausstellung von Skulpturen, Zeichnungen und graphischen Werken von Renée Sintenis zum 90. Geburtstag, Galerie Vömel, Düsseldorf 1978, Abb. o. S.
Renée Sintenis. Plastiken, Zeichnungen, Druckgraphik, Georg-Kolbe-Museum, Berlin; Kulturgeschichtliches Museum, Osnabrück; Ostdeutsche Galerie, Regensburg; Museen der Stadt, Hanau; Leopold-Hoesch-Museum, Düren, 1983/84, Kat.-Nr. 35 mit Abb. S. 66.

LITERATUR: Der Querschnitt, Nr. 9, Heft I, 1929, S. 340 mit Abb.
René Crevel, Renée Sintenis, Paris 1930, Abb. S. 63 ("Le grand poulain").
René Crevel/Georg Biermann, Renée Sintenis, Junge Kunst, Bd. 57, Berlin 1930, Nr. 83 mit Abb. 31 ("Das grasende Fohlen").
Deutsche Kunst und Dekoration, Nr. 66, 1930, S. 38 mit Abb.
Kunst und Künstler, Nr. 28, 1930, S. 235 mit Abb.
Ada Schmidt-Beil (Hrsg.), Die Kultur der Frau. Eine Lebenssymphonie der Frau des XX. Jahrhunderts, Berlin 1931, S. 281 mit Abb.
Omnibus 1931, S. 54 mit Abb.
Dedalo, Jg. 3, Heft 13, 1933, S. 40 mit Abb.
Hanna Kiel, Renée Sintenis, Berlin 1935, S. 65 mit ganzseitiger Abb.
Rudolf Hagelstange (u. a.), Renée Sintenis, Berlin 1947, Abb. Nr. 79 und Cover ("Großes Fohlen").
Adolf Jannasch, Renée Sintenis, Potsdam 1949, Abb. Nr. 13 ("Grosses weidendes Fohlen").
The Studio, Nr. 138, 1949, S. 182 mit Abb.
Die Weltkunst, Nr. 23, Heft 15, 1953, S. 9 mit Abb.
Hanna Kiel, Renée Sintenis, Berlin 1956, S. 41 mit ganzseitiger Abb.
Rudolf Koella, Sammlung Oskar Reinhart, Winterthur, Zürich 1975, S. 358 mit Abb.

Ihre kleinen Tierplastiken faszinieren Sammler und machen die Bildhauerin berühmt. In Handschmeichlergröße stehen Fohlen, Esel, Rehe und andere Tiere in unterschiedlichen Varianten und Körperhaltungen wie selbstverständlich vor Büchern in Regalen, beleben Sideboards und schmücken Schreibtische. Die in Neuruppin aufwachsende, in Berlin sich unter anderem bei den Bildhauern Wilhelm Haverkamp und Georg Kolbe weiterbildende Künstlerin fällt nicht nur wegen ihrer Körpergröße und ihrer schlanken Gestalt auf. Wie schon Else Lasker-Schüler verkörpert sie im Nachkriegsberlin den Typus der selbstbewussten Frau mit kurzem Haarschnitt, ausgefallener Kleidung und einer androgynen Ausstrahlung. Zu Beginn der 1920er Jahre wird Alfred Flechtheim in Düsseldorf mit einer Dependance in Berlin ihr vorrangiger Kunsthändler. Er führt Sintenis in die Gesellschaft seines internationalen Freundeskreises ein und systematisiert die Auflagen der Güsse der primär kleineren, sich an August Gaul (1869-1921) orientierenden Tierplastiken. Sintenis avanciert somit zu einer der erfolgreichsten Künstlerinnen der Weimarer Zeit. Neben wenigen Porträtaufträgen von Persönlichkeiten wie dem Dichter Joachim Ringelnatz (1923) oder dem Schriftsteller, Dramatiker und Politiker Ernst Toller (1926) sowie Kleinplastiken von Sportlern wie dem finnischen Wunderläufer Paavo Nurmi (1926) führt Sintenis hin und wieder auch Aufträge für größere Gartenplastiken aus, in dem sie Vergrößerungen ihrer Kleinplastiken - wie hier das "Grasende Fohlen“ - ausführt. Das "Große grasende Fohlen", bei Noack in Berlin wohl 1936 gegossen, ist eine von wenigen nahezu lebensgroßen Bronzen der Künstlerin: "Fohlen", 1921 (verschollen); "Der Esel von Seelow", 1927, entsteht im Auftrag des Bankiers und Politikers Hugo Simon; ein Exemplar des "Großen Vollblutfohlen" von 1940 ist heute Bestand der Berliner Nationalgalerie.
Gegenüber den lebendigen, bisweilen ungestümen und temperamentvollen Gebärden in den Kleinplastiken der Tiere wirkt dieses in ruhiger Anmut grasende Fohlen wie entwachsen und ganz konzentriert auf sein Tun. Sintenis’ Begabung, das Gesehene in eleganter Bewegung und großartig akzentuierter Oberfläche zu Bronze "erstarren" zu lassen, ist eine ihrer herausragenden Stärken. Ihre gegenüber August Gaul expressionistisch wie höchst emotional gesehene Tierplastik erfährt mit den Formprinzipien des gleichaltrigen Ewald Mataré (1887-1965) einen feinen Gegenpol; dessen allzu sachliche Formreduktion ist für Renée Sintenis wohl nie ein Thema. Ihre köstlich anmutende Tierwelt verzaubert in ihrer Vielfalt und heiteren Losgelöstheit konkurrenzlos ihre Sammler damals wie heute. [MvL]



100
Renée Sintenis
Großes grasendes Fohlen, 1929.
Bronze mit grünlicher Patina
Schätzung:
€ 80.000
Ergebnis:
€ 82.500

(inkl. Käuferaufgeld)