Auktion: 520 / Evening Sale am 18.06.2021 in München Lot 373

 
373
Otto Dix
Zirkusszene (Reitakt), 1923/24.
Aquarell und Tuschpinsel auf Papier
Schätzung:
€ 150.000
Ergebnis:
€ 187.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Zirkusszene (Reitakt). 1923/24.
Aquarell und Tuschpinsel auf Papier.
Pfäffle A 1923/78. Rechts unten signiert und datiert "23/24". Verso handschriftlich betitelt "Zirkusscene". 38,2 x 27,6 cm (15 x 10,8 in), blattgroß.

• Herausragendes Beispiel der künstlerischen Begeisterung für die scheinbar sorglose Welt des Zirkus und des Varietés nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges.
• 2018/19 in der Ausstellung "Magic Realism. Art in Weimar Germany" in der Tate Modern, London, ausgestellt.
• Wie Franz Kafka in seiner Parabel "Auf der Galerie" (1919) hat Dix mit seiner grotesk überzeichneten Kunstreiterin die Ambivalenz des Künstlerdaseins und der menschlichen Existenz thematisiert.
• Großformatige, malerisch ausgearbeitete Komposition, die in dem Gemälde "Le Cirque" (Musée d’Orsay, Paris) des französischen Pointillisten Georges Seurat einen berühmten Vorläufer hat.
• Ein themengleiches, jedoch weniger detailliert ausgearbeitetes Aquarell befindet sich in der Sammlung der Dix-Stiftung, Vaduz (Pfäffle A 1923/21)
.

PROVENIENZ: Galerie Nierendorf, Köln/Berlin.
Frank Perl Gallery, Beverly Hills.
Privatsammlung (1959, wohl bis 1993).
Gianni Versace, New York (seit 1993, Sotheby's 4.11.1993).
Privatsammlung USA (2005-2011, Sotheby's 4.5.2011).
Privatsammlung Deutschland (2011-2012).
Privatsammlung Europa (seit 2012).

AUSSTELLUNG: Magic Realism. Art in Weimar Germany, Tate Modern, London, 2018/19 (mit Abb. S. 33).

LITERATUR: Willi Wolfradt, Otto Dix, in: Junge Kunst, Bd. 41, Leipzig 1924, sowie in: Der Cicerone, Jg. XVI., 1924, S. 943ff. (mit Abb. S. 946).
Parke-Bernet Galleries, New York, 3./4.6.1959, Los 31.
Suse Pfäffle, Otto Dix, Werkverzeichnis der Aquarelle und Gouachen, Stuttgart 1991, Nr. A 1923/78 (mit Abb. S. 188).
Sotheby’s, New York, 4.11.1993, Los 211.
Sotheby's, New York, 4.5.2011, Los 340.
Neumeister, München, 23.5.2012, Los 13.

Essay
In den Jahren um 1923 beschäftigt sich Otto Dix intensiv mit der Motivik von Zirkus und Varieté. Zirkus und Varieté waren in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die willkommenen Ablenkungen, welche die Großstadt für eine von den Schrecken des Ersten Weltkrieges und der in Europa wütenden Spanischen Grippe gezeichnete Gesellschaft bereithielt. Auch Max Beckmann setzt sich in dieser Zeit intensiv mit diesem Themenkomplex auseinander und schafft bereits 1921 seine berühmte "Jahrmarkt"-Mappe mit zehn Radierungen. Für Beckmann stellten sich Jahrmarkt, Zirkus und Theater immer wieder als geeignete sorglose Parallelwelt und als Metapher des Lebens dar. Am 12. Dezember 1940 - während des Zweiten Weltkrieges - hält Beckmann in seinem Tagebuch fest: "Wenn man dies alles - den ganzen Krieg oder auch das Leben nur als eine Szene im Theater der Unendlichkeit auffaßt, ist vieles leichter zu ertragen." Auch Otto Dix ist gezeichnet von der enormen Brutalität des Ersten Weltkrieges, die er in den vier Jahren seines Kriegsdienstes durchleben muss, von den sich türmenden Leichen, den Sterbenden und dem beißenden Geruch der Angst und des Todes. Otto Dix hat sich dem Thema des Krieges so intensiv wie kaum ein anderer deutscher Künstler gewidmet und uns in Zeichnungen, Grafiken und Gemälden erschreckende Bilder dieses menschlichen Grauens hinterlassen. Sich diesen Kontext beim Betrachten unserer in nahezu grotesker Überzeichnung inszenierten "Zirkusszene" klar zu machen, ist essenziell. Auch für Dix scheint die Zirkusmotivik mit der ins Groteske überzeichneten Kunstreiterin eine surreale Parallelwelt bereitzuhalten, die auch für den Künstler selbst wenige Jahre nach Kriegsende eine Fluchtmöglichkeit aus den Ängsten und Traumata des realen Lebens ermöglicht. Die "Zirkusszene" ist damit Fluchtpunkt und Metapher des Lebens zugleich, denn trotz allen Glanzes und der Leichtigkeit der Darbietung ist auch die Kunstreiterin in der Manege eine von der Peitsche des Zirkusdirektors getriebene, eine in ihrer Rolle auf schmerzliche Weise gefangene Gestalt. Führt man sich die Ambivalenz der nur auf den ersten Blick heiteren Motivik der etwas gequält wirkenden Kunstreiterin vor Augen, muss es als mehr als wahrscheinlich gelten, dass Dix Franz Kafkas 1919 erschienene Parabel "Auf der Galerie" kannte, in der eine bedauernswerte kranke und kindliche Kunstreiterin durch ihren peitschenschwingenden, erbarmungslosen Zirkusdirektor monatelang vor unermüdlichem Publikum zu Höchstleistungen angetrieben wird. Kafka wie auch Dix widmen sich hier nicht nur der Frage nach Schein und Sein der Künstlerexistenz, sondern zugleich auch der Oberflächlichkeit und Ambivalenz des gesamten menschlichen Daseins. Wie für Kafka vermutet, ist auch mit großer Wahrscheinlichkeit für Dix davon auszugehen, dass er das berühmte Gemälde "Le Cirque" (Musee d’Orsay, Paris) des französischen Pointillisten Georges Seurat gekannt hat, das sich 1891 dieser Motivik des Pariser Zirkuslebens noch mit klassisch-ornamentaler Fin-de-Siècle-Grandezza gewidmet hat. [JS]
373
Otto Dix
Zirkusszene (Reitakt), 1923/24.
Aquarell und Tuschpinsel auf Papier
Schätzung:
€ 150.000
Ergebnis:
€ 187.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)