Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 274

 

274
Markus Lüpertz
Selbstportrait 'Ich als Dichter', 1983.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 87.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Selbstportrait 'Ich als Dichter'. 1983.
Öl auf Leinwand.
Rechts oben mit dem Künstlermonogramm. Verso auf der Leinwand signiert und datiert sowie auf dem Keilrahmen betitelt und mit einem Richtungspfeil versehen (die Datierung zum Teil mit Ausstellungsetiketten überklebt). 100 x 80,5 cm (39,3 x 31,6 in).

• Aus der Werkserie der Selbstporträts der frühen 1980er Jahre.
• Erstmals auf dem Auktionsmarkt angeboten.
• Seit fast 25 Jahren in Privatbesitz.
• Teil bedeutender Einzelausstellungen, etwa im Münchener Lenbachhaus und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.
• Abstrakte, zeitgenössische Interpretation eines mythologisch aufgeladenen Sujets
.

Die Authentizität der vorliegenden Arbeit wurde vom Atelier Markus Lüpertz mündlich bestätigt. Wir danken für die freundliche Beratung.

PROVENIENZ: Privatsammlung (direkt vom Künstler erhalten).

AUSSTELLUNG: Rosc '84. The Poetry of Vision (An International Exhibition of Modern Art), St. James's Gate, Dublin, 24.8.-7.11.1984 (verso auf dem Keilrahmen mit dem handschriftlich bezeichneten Ausstellungsetikett).
Markus Lüpertz. Belebte Formen und kalte Malerei, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 29.1.-30.3.1986, S. 42 und Kat.-Nr. 29 (mit ganzseitiger Farbabb., S. 85. Verso auf dem Keilrahmen mit dem typografisch bezeichneten Ausstellungsetikett).
Markus Lüpertz. Gemälde - Skulpturen, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, 30.3.-2.6.1996, Kat.-Nr. 27 (mit ganzseitiger Farbabb., S. 83. Verso auf dem Keilrahmen mit dem typografisch bezeichneten Ausstellungsetikett).

LITERATUR: Dorothee Jansen u. Thomas Heyden (Hrsg.), Reden zu Lüpertz. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1996, S. 55f. (mit Abb.).
Siegfried Gohr, Markus Lüpertz, Köln 2001, S. 144 (Abb.-Nr. 117).
Kosme de Barañano u. Carolina Andrada Páez, The Works of Markus Lüpertz in the Bilbao Fine Arts Museum Collection, S. 10, in: Bulletin, Museo de Bellas Artes de Bilbao, Nr. 7, Bilbao 2013, S. 195-222 (mit Farbabb., S. 12).

"zwitschernd vor kraft
als vogel sonderbar
die dreibeinigkeit des absonderlichen
den buckel des unverstandenen
den alles verstehenden verstand
des falsch liebenden verliebten
springmesser gleich
glasklar in einsicht
trübe vor ewigkeit
wußt ich es immer
mein Genie."

Markus Lüpertz, zit. nach: Ausst.-Kat. Markus Lüpertz. Belebte Formen und kalte Malerei, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1986, S. 25f.

Markus Lüpertz gilt heute als einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler. Neben Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz und Anselm Kiefer wird er zu den "Big Five" der deutschen zeitgenössischen Kunst gezählt. Obwohl die Malerei innerhalb seines Œuvres den höchsten Stellenwert einnimmt, arbeitet er interdisziplinär, in vielfältigen unterschiedlichen Bereichen der bildenden Kunst und Literatur. Seit den 1980er Jahren entstehen zahlreiche bildhauerische Arbeiten, von denen sich "Die Philosophin" bspw. im Eingangsbereich des Bundeskanzleramts befindet. Bereits 1975 veröffentlicht er seinen ersten Gedichtband, dem weitere lyrische Werke folgen, sodass der Titel der hier angebotenen Arbeit "Ich als Dichter" sich nicht als fantastische Vorstellung, sondern als auf Tatsachen beruhende Selbstreflexion offenbart.
Mehrfach porträtiert sich der Künstler als Sänger und Dichter "Orpheus" aus der griechischen Mythologie. Mit betörender Stimme verzaubert dieser Tiere, Pflanzen und Steine und so verwundert es nicht, dass Lüpertz seinem Selbstporträt hier links eine hinabschauende Amsel, einen kleinen Buchfinken und rechts eine glubschäugige, fischähnliche Kreatur zur Seite stellt. Da es Orpheus trotz seiner großartigen Fähigkeiten nicht gelingt, den Tod zu besiegen, mag man Lüpertz' Selbstporträt auch eine weitere Dimension unterstellen. Die linke untere Ecke erinnert federngleich an den Mythos des Ikarus, der, von den Göttern bestraft, ins Meer stürzt. In einem Interview auf seine Angst vor dem Tod angesprochen, erklärt der Künstler: "Ich kann mir das nicht vorstellen, alt zu werden. [..] Das Leben macht mir einen Riesenspaß." (zit. nach: Welt Online, 23.4.2016). Lüpertz sieht die Motivation für seine Malerei in einem permanenten Konflikt, in dem ununterbrochenen Kampf gegen den Tod: Die Malerei als Verewigung des eigenen Ichs, das Selbstporträt nicht nur als narzisstische Tat, sondern als Momentaufnahme des Daseins, des eigenen Geisteszustands auf der langen Suche nach der eigenen Identität.
Natürlich zeigen die Selbstporträts deshalb keinerlei Ähnlichkeit mit der äußeren Erscheinung des Meisters. "Abstraktion resultiert aus der Ich-Bezogenheit des Künstlers. Es gibt nur abstrakte Gemälde", erklärt Lüpertz (zit. nach: Ausst.-Kat. Markus Lüpertz, Haus der Kunst, München 2019/2020, S. 364). Dem Künstler geht es vielmehr um die Darstellung seines Inneren zu ebendiesem Zeitpunkt. So, wie er auch den in seinen früheren Bildern dargestellten Gegenständen (darunter Dachpfannen, Baumstämme und Zelte) jegliche Funktion abspricht, sie radikal vereinfacht und monumentalisiert, greift er auch in seinen Selbstporträts auf die für sein Schaffen ganz eigene, charakteristische malerische Konstruktion und abstrakte Farbflächenmalerei zurück, ohne das zugrunde liegende reale Motiv seines eigenen Gesichts weiter zu beachten.
Formal und motivisch nehmen die Selbstporträts wie auch unser hier gezeigtes Werk ein Stück weit die Arbeiten der Werkserie "Männer ohne Frauen - Parsifal" aus den 1990er Jahren vorweg. Auch in ihnen reduziert Lüpertz die Darstellung auf frontal gezeigte, meist alleinstehende Gesichter in undefinierbarem Umraum, deren Gesichtszüge aus schmalen Strichen und farbkräftigen Farbflächen bestehen und häufig von Gitterstrukturen umspielt werden, was im Ansatz mit dem hier eingesetzten, hellen verschnörkelten Linienkonstrukt vergleichbar ist. Das vorliegende Selbstporträt weist sich somit als bedeutendes, wegweisendes Werk innerhalb des vielseitigen Œuvres des Künstlers aus und verdeutlicht einmal mehr die verwirrende Ambiguität seines Schaffens. Lüpertz bewegt sich zwischen Abstraktion und Detail, Fantasie und Realität, Spontaneität und intensiver Selbstreflexion, plakativer Simplizität und metaphorischer Verschlüsselung. [CH]



274
Markus Lüpertz
Selbstportrait 'Ich als Dichter', 1983.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 87.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)