Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 235

 
235
Gerhard Richter
Ohne Titel (5. Mai 1998), 1998.
Öl auf Karton
Schätzpreis: € 120.000 - 150.000
+
Objektbeschreibung
Ohne Titel (5. Mai 1998). 1998.
Öl auf Karton.
Links unten signiert und datiert sowie verso nochmals signiert und datiert. 29,6 x 41,8 cm (11,6 x 16,4 in).

• Zum ersten Mal auf dem internationalen Auktionsmarkt (Quelle: www.artprice.com).
• Mesmerisierende Leuchtkraft der Farbe Blau.
• Durch das Zusammenspiel verschiedener Techniken erzielt Richter eine spektakuläre Komposition der Oberfläche.
• Die Überarbeitung der Oberfläche durch die Rakel wird für den Karton übernommen
.

Mit einer schriftlichen Expertise von Herrn Dr. Dietmar Elger, Gerhard Richter Archiv, Dresden, vom 26. März 2018.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland.

"Das Abstrakte hat mich immer schon fasziniert. Es hat so viel Geheimnis, so wie Neuland."
Gerhard Richter, 2011

Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 18.01 h +/- 20 Min.

Essay
Wasser. Fluss. Tiefe. Anziehend. Abstrakt. Lebendig. All dies sind mögliche Assoziationen, die das Werk "Ohne Titel (5. Mai 1998)" von Gerhard Richter im Betrachter auslöst. Die blaue Farbe überzeugt nicht nur durch seine zahlreichen Gedankenketten, sondern auch durch seine enorme Leuchtkraft. Als Element nimmt es mehr als die Hälfte der Oberfläche in Beschlag und ist deshalb bildbestimmend. Auf der linken Seite hat sich das Blau dann scheinbar verflüchtigt und einem strahlenden Weiß und vermischten Rottönen Platz gemacht. Die Bildkomposition scheint regelrecht im Fluss zu sein – dieser Eindruck wird durch den nuancierten Farbverlauf und genannte Assoziationen verstärkt. Die Flüchtigkeit des Augenblicks erhärtet sich im Bild und wird durch die von Richter verwendeten Techniken zur Bilderzeugung noch deutlicher hervorgehoben.
Richters Werk lässt keinen Pinselduktus im traditionellen Sinne erkennen. Dies ist auf die Malweise des Künstlers zurückzuführen. In einem Interview mit Nicholas Serota aus dem Jahr 2011 antwortet Richter auf die Frage, wie er mit seinen abstrakten Bildern beginnt, folgendermaßen: "Ach, der Anfang ist eigentlich sehr leicht, weil ich da ja noch ziemlich frei irgendetwas, eine Farbe, eine Form, setzen kann. Und so entsteht bald ein Bild, das auch eine Weile gut aussehen kann, so leicht und bunt und neuartig. […] Und dann beginnt die Arbeit – ändern, zerstören, neu entstehen lassen usw., bis es fertig ist." (zit. nach: Gerhard Richter. Panorama, Ausst.-Kat. München, 2012, S. 17). Die Überarbeitung des Bildes ist eine wesentliche Eigenschaft der Kunst Richters und auch die vorliegende Ölarbeit zeigt deutliche Spuren transformativer Prozesse. Die entstandenen Strukturen verweisen auf drei verschiedene Techniken, die Richter stellenweise überlagert. Für die Bildgenese hat Richter die Farbe mit einer Rakel, einer langen, schmalen Leiste aus Kunststoff, über das Papier gezogen. Diese Art des Farbauftrags verwendet er auch für seine großformatigen Gemälde auf Leinwand. Durch den Einsatz der Rakels kommt es zu Überlagerungen, Vermischungen und Aufrissen, die Farbe gewinnt so an materieller Existenz. Der amerikanische Maler und Kunstkritiker Robert Storr spricht deshalb berechtigt von "geologischen" Bildstrukturen. An verschiedenen Stellen im Bild sind zudem Farbraster erkennbar. Die amerikanische Kunsthistorikerin Rosalind E. Krauss hat die Struktur des Rasters als ein "Emblem der Moderne" bezeichnet und als wesentliches Element in modernen Kunstwerken von Künstlern wie Piet Mondrian oder Josef Albers identifiziert. Auch Richter greift das Motiv des Rasters auf, allerdings ist sein System nicht vollständig, sondern aufgebrochen und durch andere Farbschichten überlagert. Der rötliche Bereich lässt zudem Erhöhungen erkennen, die vermutlich durch einen Papierabklatsch und das folgliche Herauf- und Abziehen der Farbe entstanden sind. Die Verwendung dieser Techniken führt dazu, dass das Aussehen des finalen Bildes nicht kontrolliert werden kann und im Wesentlichen ein Produkt des Zufalls ist. Dieser nimmt einen erheblichen Stellenwert in Richters Kunst ein, denn "[…] Ich möchte ja gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir ausdenken kann" (zit. nach: Butin/Gronert/Olbricht (Hrsg.), Gerhard Richter. Editionen 1965-2013, Ostfildern 2014, S. 44).
Gerhard Richter gehört zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart und hat über mehr als sechzig Jahre hinweg ein äußerst umfangreiches und komplexes Œuvre geschaffen, zu welchem Zeichnungen, übermalte Fotografien, Aquarelle oder Ölarbeiten in jeglichen Größen gehören. Während Richter vor allem zu Beginn auch gegenständlich malt, erfährt seine Malerei ab Mitte der 1970er Jahre eine erhebliche Wendung: Von nun an dominieren die Ungegenständlichkeit, eine enorme Farbigkeit und ein emphatischer Farbauftrag seine Kunst. "Ohne Titel (5. Mai 1998)" steht repräsentativ für diesen abstrakten Malstil. Die 1990er Jahre sind für Richter nicht nur künstlerisch äußerst fruchtbar. Seiner Kunst wird international große Anerkennung entgegengebracht und zahlreiche Museen wie die Tate Gallery, London, oder die Marian Goodman Gallery in New York – die zudem seine Galerievertretung in den USA übernimmt – widmen ihm Einzelausstellungen. Ein Jahr vor der Entstehung unserer Ölarbeit, 1997, erhält Richter den Goldenen Löwen auf der 47. Biennale in Venedig und die Documenta X in Kassel zeigt sein monumentales Werk "Atlas". Auf derzeit 802 Tafeln hat der Künstler Fotografien, Zeitungsausschnitte und Skizzen angebracht, die sein Leben und Schaffen über mehr als vierzig Jahre hinweg dokumentieren. Diese Werkzusammenfassung und die vorliegende Arbeit sind vor allem vor dem Hintergrund der neuesten Entwicklungen von Bedeutung, sind sie doch wichtige visuelle Manifeste seiner Arbeit. Im September 2020 verkündet Richter, mit dem Malen aufhören zu wollen. Die Kirchenfenster für das Kloster Tholey im Saarland, die im selben Monat enthüllt worden sind, und einige Zeichnungen sollen die letzten Arbeiten des Künstlers sein. "Irgendwann ist eben Ende", sagt er. "Das ist nicht so schlimm. Und alt genug bin ich jetzt." (Quelle: Deutsche Presse-Agentur) [SL]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Gerhard Richter "Ohne Titel (5. Mai 1998)"
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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4 % inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.