Auktion: 496 / Evening Sale am 06.12.2019 in München Lot 117

 
117
Gabriele Münter
Tauwetter im Dorf (Murnau), 1911.
Öl auf Malpappe
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
+
Objektbeschreibung
Tauwetter im Dorf (Murnau). 1911.
Öl auf Malpappe.
Links unten signiert und datiert. Verso signiert (von einem Ausstellungsetikett teils überdeckt) und betitelt sowie mit weiteren handschriftlichen Bezeichnungen, u.a. "84". Verso mit dem Nachlassstempel, einem Aufkleber mit der gestempelten Nummer "754" und einem Aufkleber mit der teils gestempelten Nummer "L 193". 32,8 x 40,5 cm (12,9 x 15,9 in).

- Murnauer Ansicht der ersten Jahre.
- Aus dem Gründungsjahr des "Blauen Reiter".
- Radikale und wegweisende Strukturierung und Vereinfachung
des Dargestellten.
- Ausgestellt im Kunstsalon Emil Richter und in der Galerie
"Der Sturm".
- Seit über 100 Jahren erstmals wieder öffentlich gezeigt
.
Mit einer schriftlichen Bestätigung der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung vom 17. Oktober 2019. Das Gemälde wird in das Werkverzeichnis der Gemälde von Gabriele Münter aufgenommen.

PROVENIENZ: Nachlass der Künstlerin (verso mit dem Stempel).
Franz Resch, Gauting bei München (Mitglied des Stiftungsbeirates der Münter-Stiftung).
Privatsammlung Rheinland (1971 bei Vorgenanntem erworben).
Privatsammlung Rheinland (durch Erbschaft vom Vorgenannten).

AUSSTELLUNG: 11. Ausstellung Der Sturm, gezeigt bei: Eröffnungsausstellung Neuer Kunstsalon Max Dietzel, München, März-April 1913 Kat.-Nr. 7 (Titel "Tauwetter").
Kunstsalon Emil Richter, Dresden (verso mit dem Etikett).
Gabriele Münter, 35. Ausstellung Der Sturm, Berlin, Eröffnung 24.10.1915, Kat.-Nr. 9 (verso mit dem Etikett).

Aufrufzeit: 06.12.2019 - ca. 17.31 h +/- 20 Min.

Essay
Oftmals wird vergessen, mit welcher Intensität sich Gabriele Münter auch mit methodischen Fragen ihres Kunstschaffens beschäftigt hat. So stellt sie sich in den Jahren 1910/11 eine entscheidende Frage: die nach den Aufgaben und der Variabilität der "Form" im Bild. Sie folgt Überlegungen ganz im Sinne ihres Lebensgefährten Kandinskys, der zusammenfassend im Gründungszirkular der „Neuen Künstlervereinigung München“ im Januar 1909 forderte, nach künstlerischen Formen zu suchen, „die von allem Nebensächlichen befreit sein müssen, um nur das Notwendige stark zum Ausdruck zu bringen –, kurz – das Streben nach künstlerischer Synthese (…)“. (Wassily Kandinsky, Streben nach künstlerischer Synthese, in: Kat. zur ersten Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung in der Galerie Thannhauser, 1909) Dies führt zu einer radikalen, wegweisenden Strukturierung und Vereinfachung des Dargestellten in ihren Werken. Denn in Murnau ereignete sich im Herbst 1908 etwas Erstaunliches, als Wassily Kandinsky, Münter, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin sich nach langen Aufenthalten vor allem in Italien und Frankreich, in diesem oberbayerischen Ort trafen und malten: ein künstlerischer Umbruch, eine radikale Abkehr vom impressionistischen und spätimpressionistischen Malstil und eine Hinwendung zu einer synthetischen, expressiven Farbmalerei. In unserem Werk ist das deutlich sichtbar in der schematisierten Wiedergabe der Häuserfassaden, Anordnung der Fenster und Dächer, sowie der Wahl des Motives überhaupt: eine sich gabelnde, noch von Schnee und Matsch bedeckte Straße in Murnau, die zwischen nahezu symmetrisch aufgefächerten Häusern hindurchführt. Mit der fortschreitenden Beschränkung auf wenige, für den Ort und diesen umgebenden Landschaften charakteristische Details sucht Gabriele Münter nach radikalen Möglichkeiten, das Gesehene individuell umzuformen und gelangt so auch zu dieser farbintensiven Ansicht einer örtlicher Begebenheiten, an dem Abzweig Burggraben und Schlosserstraße mit Bauer und Kuh.
Das Jahr 1911 ist auch persönlich ein besonders wichtiges Jahr für Gabriele Münter. "Tauwetter im Dorf" kann in diesem Zusammenhang auch als programmatisches Statement der Künstlerin interpretiert werden. Denn zwei Jahre zuvor, 1909, war die "Neue Künstlervereinigung München" gegründet worden, bei der auch Gabriele Münter und ihre Weggefährten Mitglieder sind. Zunehmend treten Differenzen zwischen den traditioneller und den progressiver orientierten Mitgliedern auf. In der Folge legt Kandinsky im Januar 1911 den Vorsitz nieder und im Laufe des Jahre nimmt die Idee einer eigenen Künstlergruppe Gestalt an: Kandinsky, Münter und Marc gründen die Künstlergruppe "Der Blaue Reiter", die neben der "Brücke" die wegweisende Erneuerungsbewegung der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts ist. So manifestiert sich am Anfang des Jahres 1911 ein Scheideweg in künstlerischer Hinsicht, bei dem Gabriele Münter wie ihr Lebenspartner Kandinsky den Weg der Erneuerung wählt. So kann die Weggabelung bei Tauwetter auch als Hinweis auf den persönlichen Scheideweg gesehen werden. [EH/MvL]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Gabriele Münter "Tauwetter im Dorf (Murnau)"
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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 1,5% zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer an.