Auktion: 419 / Klassische Moderne am 05.12.2014 in München Lot 303

 
303
Edvard Munch
Weib mit rotem Haar und grünen Augen. Die Sünde, 1902.
Farblithografie
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 43.750

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Weib mit rotem Haar und grünen Augen. Die Sünde. 1902.
Farblithografie.
Schiefler 142 c; Woll 198 wohl II.2 (von V). Rechts unten signiert. Selten. Auf feinem chamoisfarbenem Japan, auf feines Japan aufgezogen. 69,5 x 40 cm (27,3 x 15,7 in). Papier: 78,2 x 54 cm (31 x 21,1 in).
Die Dargestellte könnte Tulla Larsen sein, Freundin von Edvard Munch bis 1902. [KD].
Die großformatige Farblithografie gehört zu den wichtigsten druckgrafischen Arbeiten Munchs.

PROVENIENZ: Villa Grisebach Auktionen Nr. 7, 25. November 1988, Los 69 (mit Farbabb.).
Privatsammlung Baden-Württemberg (seit 1988).

AUSSTELLUNG: Ein anderes Exemplar der Graphik wurde in folgender Ausstellung gezeigt:
100 Jahre Brücke. Expressionismus aus Berlin. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München, 24.Februar - 21. Mai 2006, Kat. Nr. 278, S. 35 (mit Farbtafel 19).

Der norwegische Maler und Grafiker Edvard Munch beginnt nach einem abgebrochenen Ingenieurstudium 1881 eine grafische Ausbildung in Oslo. Bis 1884 studiert er hier u.a. bei dem Bildhauer Julius Middelthun und dem Maler Christian Krogh. Schon bald ist Munch als selbstständiger Maler tätig, der mit seinem ihm eigenen Stil das Interesse der breiten Öffentlichkeit weckt. Seine Berliner Ausstellung 1892, die auf Einladung des Vereins Berliner Künstler hin stattfindet, verursacht einen Skandal und führt zur Gründung der Berliner Sezession. Die frühen Gemälde Munchs sind realistische Bilder mit einem stark emotionalen Gehalt - eine Grundstimmung im Schaffen des jungen Künstlers, die sich noch verstärkt, als Munch bei seinen ersten Aufenthalten in Paris um 1890 Toulouse-Lautrec, van Gogh, Gauguin und die Werke der Symbolisten kennenlernt. Ihre Arbeiten nämlich veranlassen ihn nicht nur zu einer größeren Vereinfachung seiner Formensprache, sondern auch durch neue bildnerische Mittel zu einer Steigerung des Ausdrucks. So kommt Munch zu seinem bleibenden Themenkatalog, der seine persönlichen, aber doch zugleich allgemeinen Erfahrungen im Bereich psychischer Vorgänge und existenzieller Bedrohung des Menschen umkreist. Mit dunklen, schwermütigen Farben und in großflächig zusammengefassten arabeskenhaften Formen verleiht Munch seinen Bildern, deren Themen Grunderfahrungen des menschlichen Lebens wie Angst, Krankheit, Tod, Einsamkeit und Eifersucht widerspiegeln, ihre expressive dramatische Ausdruckskraft. Vor allem auch in den Radierungen, Lithografien und Holzschnitten finden diese Motive durch die Sparsamkeit der Mittel ihre besonders eindringliche Aussage.

Edvard Munch, der, dem Zeitgeist folgend, in der Frau die große Verführerin sah, hat wohl auch in Kenntnis des berühmten Gemäldes von Franz von Stuck, dessen erste Version 1891 die Gemüter erregte, sich dieses Sujets angenommen und es in seinem Sinne interpretiert. Während bei Stuck eine Schlange zusätzlich auf die Sünde und den alttestamentlichen Sündenfall hinweist, konzentriert sich Munch auf die Frau an sich, in der er die eigentliche Verführerin sieht. Allein ihre Erscheinung, hier mit rotem Haar und grünen Augen, ist bestimmend. Das Dreiviertelporträt, bereits in der Renaissance in Lucretia und Salomé-Darstellungen gestaltet, wird von Munch zum Sinnbild einer Erscheinung gedeutet, die in ihrer direkten Aussage wenig Zweifel an der Wirkung ihrer sinnlichen Ausstrahlung lässt. Munch verbürgerlicht die Szene und gibt ihr so einen allgemeingültigen Charakter. Die Dämonisierung der Frau als sündiges Weib fand mit den gesellschaftlichen Umwälzungen im Gefolge des Ersten Weltkrieges ein jähes Ende. Edvard Munch hat den Druck dieser Farblithografie, die in mehreren Farbvarianten gedruckt wurde, selbst überwacht. Eigenen Bekundungen zufolge betrachtete er es als sinnvoll und notwendig, dass der Künstler beim Druck der von ihm geschaffenen Grafik dabei sein sollte, nur so könne man von originaler Künstlergrafik sprechen. Die vorliegende Farblithografie gehört zu den wichtigsten Werken der Druckgrafik der progressiven Kunst vor dem Ersten Weltkrieg. Sowohl vom Motiv als auch von der technischen Ausführung ist sie als eine der bedeutendsten Schöpfungen in der Druckgrafik zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu werten.

Nach einer schweren Nervenkrise kehrt der Künstler, der sich bis 1908 vorwiegend in Paris und Deutschland aufhält, nach Norwegen zurück. 1937 werden 82 Werke Munchs aus deutschen Museen von den Nationalsozialisten als "entartet" diffamiert und verkauft. Aufgrund einer Augenkrankheit, die sich bereits 1930 ankündigt, erschwert sich die Arbeit zunehmend für den Maler. 1944 stirbt Munch auf Ekely. Seinen Nachlass vermacht er der Stadt Oslo, die damit 1963 das Munch-Museum eröffnet.

303
Edvard Munch
Weib mit rotem Haar und grünen Augen. Die Sünde, 1902.
Farblithografie
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 43.750

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
 


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