Auktion: 415 / Klassische Moderne am 06.06.2014 in München Lot 378

 
378
Marc Chagall
Die Sirenen, 1974.
Farblithografie
Schätzung:
€ 20.000
Ergebnis:
€ 25.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Die Sirenen. 1974.
Farblithografie.
Sorlier 787. Cramer Livres 96. Signiert und nummeriert. Aus einer Auflage von 30 signierten Exemplaren für den Künstler neben der unsignierten Gesamtauflage von 270. Auf Japan. 42 x 62 cm (16,5 x 24,4 in). Papier: 53,5 x 71 cm (21 x 27,9 in).
Aus "Homère. L'Odyssée", Band I. Gedruckt und herausgegeben von Fernand Mourlot, Paris 1975. [SM].
Die "Sirenen" in der 30er Auflage auf Japan werden hier erstmals auf dem europäischen Auktionsmarkt angeboten (Quelle: www.artnet.de).

Die Studienzeit verbringt Chagall zunächst in Witebsk, anschließend an der Petersburger Akademie bei Leon Bakst, der ihn auf Cézanne, van Gogh und Gauguin hinweist. Diese Einflüsse werden abgelöst von kubistischen und fauvistischen Tendenzen, die Chagall ab 1914 während eines vierjährigen Parisaufenthaltes zunehmend in seine Arbeit miteinbezieht. Seinen eigenen Stil - motivisch eine irreale Kombination symbolischer Bildmotive, bestehend aus jüdisch-religiös geprägten Kindheitserlebnissen und russischer Volkskunst, gepaart mit traumhaften Elementen und dem Einfluss der in Paris entdeckten modernen Kunst - entwickelt Chagall erst nach seiner Rückkehr nach Russland. In Witebsk gründet er 1919 eine Kunstschule und wird deren Direktor. Im selben Jahr übernimmt er die Ausstattung des Jüdischen Theaters in Moskau. 1922 verlässt Chagall endgültig Russland und geht über Berlin, wo die ersten grafischen Blätter, Radierungen zu der Autobiografie "Mein Leben", entstehen, nach Frankreich zurück. 1923 in Paris angekommen macht Chagall die Bekanntschaft mit dem Kunsthändler Vollard, der die Buchillustration des Werkes "Die toten Seelen" von Gogol in Auftrag gibt. Nach weiteren 100 Radierungen zu La Fontaines "Fabeln" entstehen ab 1930 die Bibelillustrationen, insgesamt 105 Blätter. Ausgedehnte Reisen führen den Künstler in diesen Jahren nach Palästina, Ägypten, Holland, England und Spanien. 1941 flieht Chagall in die USA, wo er die folgenden sechs Jahre lebt. Er entwirft in dieser Zeit Bühnenbilder für Ballettaufführungen von Tschaikowsky ("Aleko") und Strawinsky ("Feuervogel"). Nach einer großen Ausstellung im Museum of Modern Art 1946 kehrt der Künstler 1950 nach Frankreich zurück. Einige Großaufträge unterbrechen sein beschauliches Leben in Vence: Für verschiedene öffentliche Bauwerke wie z.B. die Kathedrale von Metz (1958), die Synagoge der Hadassah-Universitätsklinik bei Jerusalem (1960), oder das Haus der Vereinten Nationen in New York (1964) entwirft Chagall Glasfenster. Für die Pariser Oper wird ihm ein Deckengemälde in Auftrag gegeben. Als dieses 1964 fertiggestellt ist, beginnt Chagall mit Wandgemälden in der Metropolitan Opera in New York, die 1967 eingeweiht werden.

Religiöse und mythologische Themen sind prägend für das ¼uvre von Marc Chagall. Die hier vorliegende Lithografie aus dem Jahr 1974 illustriert eine der wohl berühmtesten Szenen von Homers "Odyssee", in der sich die früheste Überlieferung des Mythos findet: Odysseus und seine Gefährten nähern sich den Sirenen, die mit ihrem betörenden Gesang die Zuhörer willenlos machen und ihnen so das Leben nehmen. Während sich Odysseus' Gefährten mit Wachs in ihren Ohren vor dem Zaubergesang der Sirenen schützen, verlangt Odysseus, ihren Liedern zu lauschen. Um dem Wahnsinn zu widerstehen, stellt er sich dem Gesang an den Mast gefesselt. Chagall setzt diese Szene besonders malerisch um, indem er die Bilderzählung in heitere Farben taucht und die Sirenen als geflügelte Wesen engelsgleich über dem Schiff schweben lässt. Nichts deutet auf ihr schicksalhaftes Wesen hin.

Neben anderen zahlreichen Auszeichnungen erhält Chagall 1977 vom damaligen Präsidenten Frankreichs Valéry Giscard d’Estaing das Großkreuz der Ehrenlegion. Es folgen weltweit umfangreiche Ausstellungen, in denen auf seine internationale Bedeutung und seinen enormen Einfluß auf die Kunst des 20. Jahrhunderts hingewiesen wird. Ab 1978 fertigt Chagall für die Pfarrkirche St. Stephan in Mainz die Entwürfe zu den Chorfenstern an, von denen neun zu Lebzeiten von ihm selbst auch ausgeführt werden. Nach Chagalls Tod am 28. März 1985 werden die übrigen von einigen seiner Schüler fertiggestellt.

378
Marc Chagall
Die Sirenen, 1974.
Farblithografie
Schätzung:
€ 20.000
Ergebnis:
€ 25.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)