Auktion: 403 / Moderne Kunst am 19.04.2013 in München Lot 460

 
460
Rolf Nesch
Frau auf der Brücke, 1932.
Druck
Schätzung:
€ 15.000
Ergebnis:
€ 42.700

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Frau auf der Brücke. 1932.
Metall-Druck.
Helliesen/ Sørensen 454. Kat. Jentsch 109. Signiert, betitelt und bezeichnet "Selbstdruck". Aus einer Auflage von nur 8 Exemplaren. Auf festem Velin. 59,5 x 45 cm (23,4 x 17,7 in). Papier: 64,5 x 49,6 cm (25,3 x 19,6 in).
Blatt 8 (von 20) der Folge "Hamburger Brücken" aus dem Jahr 1932. Eine Ölkreidezeichnung, die möglicherweise eine Vorstudie zu einem Blatt aus diesem Grafikzyklus ist, wird in der Auktion Moderne Kunst angeboten.

PROVENIENZ: Sammlung Gustav Schiefler.

LITERATUR: The Graphic Art of Rolf Nesch, The Detroit Institute of Arts, 18.3.-27.4.1969, S. 73, Nr. 8 (mit Abb., anderes Exemplar).

Nach einer Lehre als Dekorationsmaler in Hildesheim, besucht Nesch 1909-12 die Stuttgarter Kunstgewerbeschule und kommt 1912 als Malergeselle nach Dresden, wo er bald an der Akademie aufgenommen wird. Der Erste Weltkrieg unterbricht das Studium, das er erst 1919 nach seiner Rückkehr aus englischer Kriegsgefangenschaft fortsetzt. Zurück in Dresden, erhält Nesch ein Meisteratelier. Drei Jahre später verbringt der Künstler mehrere Wochen bei Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos, um druckgrafische Techniken zu erlernen. Ab 1922 weilt er jedes Jahr bei Freunden in Hamburg, wo er unter anderem engen Kontakt zu Gustav Schiefler pflegt. Dort wird er Mitglied der "Freien Sezession". In den folgenden Jahren entstehen zahlreiche druckgrafische Arbeiten, die von einer starken Experimentierfreude geprägt sind, wie die Folgen "Karl Muck und sein Orchester", "St. Pauli" und die "Hamburger Brücken" zeigen. Eher per Zufall entdeckt Nesch, als er 1925 eine Metallplatte während der Druckvorbereitung für "Die steinernen Jungfrauen" zu lange in einem Säurebad lässt, wie die Durchätzung der Druckplatte eine spezielle Wirkung hinterlässt. Fortan beginnt er sehr experimentell mit dem Medium des Metalldrucks zu arbeiten.

Nesch selbst berichtet zu den Vorbereitungen der Brücken-Studien: "Der Arbeitsdrang war groß, ich bohrte Löcher in eine Platte, flocht Kupferdraht anstatt ihn anzulöten. Eines Tages meinte Ruwoldt, der mein Ateliernachbar im Ohlendorf-Haus war: 'Warum brauchst du kein Fliegengitter?' Wurde angeschafft. So verging kaum ein Tag, der nicht neue Möglichkeiten mit sich brachte.“ (aus der Rede anlässlich der Verleihung des Lichtwark-Preises in Hamburg 1958, zitiert nach www.nesch.no/10.03.2013). Besonders die Arbeit "Frau auf der Brücke" von 1932 unterstreicht die intensiven Studien mit Materialien im ¼uvre des Metalldrucks innerhalb des Brücken-Themas von Rolf Nesch. Neben der Ästhetik der Brückenarchitektur interessiert sich Nesch auch für das Leben der sich darauf bewegenden Menschen. "Draht, Lötzinn, Metallabfälle und Fliegengitter sind auf der Grundplatte aus Metall befestigt. Diese Materialien bilden Einzelformen, rhythmische Formwiederholungen und verschiedene Texturen, die fein nuancierte Farbgebungsvariationen in diesem Schwarz-Weiß- Druck ergeben." (zitiert nach www.nesch.no/10.03.2013).

Nach der zwangsweisen Auflösung der Hamburger Sezessionsbewegung emigriert Nesch 1933 nach Norwegen. Es entstehen zahlreiche großformatige Metalldrucke, darunter die Serie "Schnee". Nach der deutschen Kapitulation lernt er in Oslo seine spätere Frau Ragnhild Hald kennen und nimmt 1946/47 seine grafische Arbeit wieder auf. Nach Ausstellungen in Oslo, Kopenhagen und 1949 in New York, folgen zahlreiche Ausstellungen in Deutschland und Europa. Die Hansestadt Hamburg verleiht ihm 1958 den "Lichtwarck-Preis". Der Künstler arbeitet jetzt wieder verstärkt an verschiedenen Materialbildern, die parallel zu seinem grafischen ¼uvre entstehen, wie z.B. "Heringsfang". Das Jahr 1961 verbringt Nesch größtenteils in Venedig. Zahlreiche Skizzen für eine Grafikfolge der Lagunenstadt entstehen, die er 1962, im gleichen Jahr, in dem er Ehrenmitglied der Hamburger Akademie der Künste wird, auf der Biennale ausstellt. Zehn Jahre später widmet die Nationalgalerie Oslo Nesch anlässlich seines 80. Geburtstags eine umfangreiche Retrospektive. Bedauerlicherweise stehen Neschs Gemälde im Schatten einer ungebrochenen Bewunderung für seine Grafik und die Materialbilder. Zwar hat Nesch in diesen Arbeiten nicht das Neuland beschritten, das er in der Grafik entdeckte, doch dürfen sie als Ausdruck einer intensiven Auseinandersetzung mit der Gestaltung von Landschaft gesehen werden. [EH/AS]

460
Rolf Nesch
Frau auf der Brücke, 1932.
Druck
Schätzung:
€ 15.000
Ergebnis:
€ 42.700

(inkl. 22% Käuferaufgeld)