Auktion: 400 / Moderne Kunst am 08.12.2012 in München Lot 39

 
39
Ernst Ludwig Kirchner
Ziege II, 1922.
Holzrelief
Schätzung:
€ 70.000
Ergebnis:
€ 85.400

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Ziege II. 1922.
Holzrelief, farbig gefasst.
18 x 39,5 x 3,5 cm (7 x 15,5 x 1,3 in).
In den vergangenen zehn Jahren wurden nur sechs weitere Skulpturen Kirchners auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten (Quelle: artnet.de).

Die vorliegende Arbeit ist unter der Nr. 1922/04 im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, verzeichnet und wird in den Nachtrag zum Werkverzeichnis der Plastik aufgenommen.

PROVENIENZ: Wohl aus dem Nachlass des Künstlers.

AUSSTELLUNG: Expressionisten, Galerie Beyeler, Basel, März-April 1955, Kat.Nr. 23 (dort unter dem Titel "Kuh").

Nach dem Abschluss eines Architekturstudiums in Dresden, während dem Ernst Ludwig Kirchner Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennenlernt und mit diesen bereits künstlerisch zusammenarbeitet, entscheidet sich Ernst Ludwig Kirchner gegen den Wunsch seines Vaters ganz für die Malerei. Der intensive Austausch der vier Freunde führt 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft "Die Brücke" mit dem Ziel "alle revolutionären und gärenden Kräfte an sich zu ziehen" (Schmidt-Rottluff). Die Künstler beginnen mit den "Viertelstundenakten", den Zeichnungen nach Aktmodellen im Atelier oder in der Natur. Die Gruppe orientiert sich zunächst an Künstlern des Spätimpressionismus. Die Entdeckung der Fauves, der Südsee-Kunst und van Goghs führt die Maler zum Expressionismus. Infolge der Begegnung mit der Kunst der italienischen Futuristen verändert sich der Malstil der Gruppe um 1910, er wird "härter". Ernst Ludwig Kirchner studiert die Plastik im Dresdner Völkerkundemuseum. Unter diesem Eindruck haut und schneidet Kirchner Holzplastiken. 1911 übersiedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin. Die Großstadt bietet ihm eine Fülle neuer Motive, die Kirchner in vereinfachten, scharf konturierten Formen, expressiven Zügen und grellen Farbkontrasten umsetzt. Diese Großstadtbilder werden zu Inkunabeln des Expressionismus und machen Ernst Ludwig Kirchner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die folgenden Jahre bedeuten einen Wendepunkt in Kirchners Leben. Die Kriegsereignisse und der Militärdienst stürzen Kirchner in existenzielle Angst, führen letztlich zu Krankheit und langen Sanatoriumsaufenthalten. Um so bemerkenswerter ist seine künstlerische Produktion in dieser Zeit. Es entstehen Werke wie der Holzschnitt "Frauen am Potsdamer Platz", die "Bilder zu Chamissos Peter Schlemihl", die Selbstporträts und Holzschnittbildnisse aus den Sanatorien, die zu den Höhepunkten seines ¼uvres zählen.
1917 lässt sich Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos nieder. Den Großstadtbildern folgen nun Gebirgslandschaften und Darstellungen ländlichen Lebens.

Das plastische Werk der Expressionisten ist überschaubar klein. Angeregt durch die Plastik der Naturvölker, die im Zeitalter der Kolonialisierung als Zeugnisse einer indigenen Kultur die Museen in Europa bereichern, schufen die Künstler des Expressionismus im Rückgriff auf eine vorgefundene Natürlichkeit der Auffassung Plastiken, die durch die rohe Behandlung des Materials eine Ursprünglichkeit des Ausdrucks wiedergewinnen sollten. Ernst Ludwig Kirchner hat bereits früh mit dieser Art der Holzbildhauerei begonnen. Die "Ziege" deren Pendant im Gegensinn zum Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gehört, lässt allein schon in der groben Behandlung des Holzes, das eigentliche Wollen des Künstlers erkennen. Das Wesenhafte des Tieres spielt eine untergeordnete Rolle, allein der Ausdruck ist wichtig und der wird durch eine Bemalung in kräftigen "naturfernen" Farben zusätzlich unterstrichen. Wie Henze in seinem Werkverzeichnis der Plastiken betont, war es oftmals schwierig, Kirchners eigene Werke von ihren Vorbildern aus naturkundlichen Sammlungen zu trennen. Diese Beobachtung verdeutlicht, wie sehr die Expressionisten sich dem Formengut der Plastik der Naturvölker angenähert hatten, um es so, wie hier exemplarisch gezeigt, zu ihrem ganz eigenen Mittel der Interpretation werden zu lassen.

1923 zieht Ernst Ludwig Kirchner in das "Haus auf dem Wildboden" am Eingang zum Sertigtal, wo Kirchner bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 lebt und arbeitet. [KD].

39
Ernst Ludwig Kirchner
Ziege II, 1922.
Holzrelief
Schätzung:
€ 70.000
Ergebnis:
€ 85.400

(inkl. 22% Käuferaufgeld)