Auktion: 545 / Evening Sale am 08.12.2023 in München Lot 31


31
Konrad Klapheck
Die Jagd nach dem Glück, 1984.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 400.000
Ergebnis:
€ 2.468.000

(inklusive Aufgeld)
Die Jagd nach dem Glück. 1984.
Öl auf Leinwand.
Verso signiert und datiert "84" sowie auf dem Keilrahmen betitelt. 203 x 310 cm (79,9 x 122 in).
Mit der titel- und formatgleichen "Vorzeichnung" auf Leinwand (Die Jagd nach dem Glück, 1984. Kohlezeichnung über Öl auf Leinwand, 300 x 310 cm, vormals Los 32). [JS].

• Der Jugendtraum von Schnelligkeit, Freiheit, Lässigkeit und Status in einem überwältigenden Mega-Format.
• Ein Meisterwerk der Nachkriegskunst von musealer Qualität.
• "Die Jagd nach dem Glück" ist das größte Klapheck-Gemälde auf dem internationalen Auktionsmarkt (artprice.com).
• Klapheck gilt als Erfinder und Meister des "Maschinenbildes", das er als Spiegel menschlicher Existenz begreift.
• Klaphecks ausschließlich aus Charaktergegenständen bestehendes Œuvre nimmt seit den 1950er Jahren Elemente der Pop-Art und des Fotorealismus vorweg.
• Seltene Gelegenheit das Gemälde und die dazugehörige, formatgleiche Zeichnung auf Leinwand gemeinsam in einer Auktion zu erwerben
.

Die Arbeit ist unter der Werknummer 276 im Archiv des Künstlers registriert. Wir danken Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck für die freundliche Auskunft.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland (vor 2002 direkt vom Künstler erworben).

LITERATUR: Arturo Schwarz, Klapheck, Mailand 2002, S. 137 (m. Abb.).

"Einmal hat eine Schülergruppe mein Atelier besucht. Sie haben das große Motorrad betrachtet, das hier ausgestellt ist (Die Jagd nach dem Glück); einige unter ihnen waren von der Maschine fasziniert, aber schließlich haben sie erklärt: 'Hören Sie mal, das funktioniert ja gar nicht, die Teile sind technisch nicht richtig miteinander verbunden.' Ich habe geantwortet: 'Ihr müsst wissen, es handelt sich auch nicht um ein Motorrad, sondern um ein Bild' – wie bei dem berühmten 'Ceci n'est pas une pipe' von Magritte."

Konrad Klapheck, 1990, zit. nach: Klapheck. Bilder und Texte, Düsseldorf 2013, S. 110

Konrad Klapheck – Die Perfektion einer bizarren Bildwelt
Zufällige Begegnungen in früherer Zeit mit den Bilderwelten von Marcel Duchamp, Max Ernst oder Man Ray und deren ironischer Umgang mit den Gegenständen des Alltags; Schüler von Bruno Goller und dessen zeitlosen Chiffren in abstrahierten Bildwelten; bis hin zur Trivial-Ikonografie der Pop-Art, so könnte man den Setzkasten der Anregungen für Konrad Klapheck beschreiben. Dabei entwickelt Klapheck eine bizarre Welt zwischen Realem und Surrealem, in unheimliche Perspektiven verschobene Gerätschaften wie Schreibmaschinen, Bulldozer, Wasserschläuche, Schlüssellöcher, – und hier das Motorrad der Marke "Sprint".

Es ist die Perspektive, die in merkwürdigem Kontrast zu einer Wirklichkeit steht, die wir zu kennen glauben, aber unseren verunsicherten Blick evoziert. Die wir dennoch mit unseren einstudierten Möglichkeiten beschreiben. So erscheint dieses aus zahlreichen Vorlagen zusammenkomponierte Motorrad als nicht funktionsfähig: Es fehlt der stützende Rahmen, der dennoch über die vielen Konstruktionslinien als berücksichtigt erscheint. "Bisher hatte ich mich nur meinem Gefühl anvertraut, wenn ich entschied, ob der Gegenstand in seinen Ausmaßen oder die Gliederung des Raumes schon stimmten oder nicht", so Klapheck über die Entwicklung seiner Zeichnungen. "Mit der Zeit entdeckte ich Regeln, die ich zu einem System ausbaute. Ich begann nun stets, indem ich mit Rotstift die senkrechte und die waagerechte Mittellinie auf die Leinwand zog und so ein Koordinatenkreuz erhielt, auf das ich mich beim Anlegen meines Winkeldreiecks besser verlassen konnte als auf die häufig durchgebogenen Außenkanten des Bildes. Nun gab es zahlreiche Verbote: Keine Linie durfte durch den Kreuzungspunkt laufen, kein Schnittpunkt zweier Kohlelinien auf das Rotstiftkreuz fallen. Alle Abstände zwischen den Schnittpunkten auf dem Kreuz mußten sich in ihrer Länge unterscheiden, keiner, auch nicht als Summe zweier Abstände, durfte sich wiederholen. Ich arbeitete jetzt mit dem Zollstock, bedeckte die Zeichnungen mit Zahlen, und wenn die Verkürzungsprobleme der Perspektive hinzukamen, wurde der Taschenrechner mein Hauptinstrument. Und wozu das Ganze? Ich wollte die größtmögliche Spannung, die größtmögliche Asymmetrie erreichen, und bei der bewußten Vermeidung von Wiederholungen dachte ich an die Zwölftonmusik und ihr Verbot, einen Ton in einer Zwölftonreihe zu wiederholen." (Konrad Klapheck, Über meine Zeichnungen, München 1996, S. 26)

Klaphecks "Die Jagd nach dem Glück" – Perfektion und Konstruktion
Klaphecks Auskunft über seine Idee vom Abbilden ist bemerkenswert und zugleich verstiegen, nicht zuletzt greift er zurück auf eine breite kunsthistorische Bildung, auf die Idee der Camera obscura der Dürerzeit etwa, oder die surrealistischen Begegnungen werden ihn zu diesen provokanten Komplikationen verführt haben. Es entsteht eine Serie von Dingen des Täglichen, die Klapheck mit komplizierten Konstruktionszeichnungen von dieser in eine surreale Welt verschiebt, das Reale lustvoll mit dem Fantastischen vermischt, die Proportionen "konstruktiv" missachtet und das Ganze zu alldem mit poetischem Titel überschreibt: "Die Jagd nach dem Glück".

"Ein Kollege bemerkte", so Klapheck 1982, "ihm gefielen die Vorzeichnungen besser als die fertigen Bilder, sie seien frischer und lebendiger als die perfekten Endprodukte. Auf meine gereizte Antwort meinte er, 'dann mach' doch die Vorzeichnung auf Papier und übertrag' sie auf Leinwand, so hast Du beides, Zeichnung und Bild'.“ (Klappheck, Über meine Zeichnungen, S. 26)
Die "Jagd nach dem Glück" kann der geneigte Leser und Interessent nun wörtlich nehmen. Zum ersten Mal gibt es die Chance, mit ein bisschen Engagement und Fortune beides zu erwerben, Zeichnung und Bild, und dies beides auf Leinwand! Überlebensgroß ist dieses monumentale Motorrad gleichwohl höchst unvollständig. Denn dargestellt ist kein fahrtüchtiges Zweirad, sondern die durch schier endlose Manipulationen des Künstlers formal geklärte abstrakte Idee eines Motorrades, für dessen Bewerbung der Künstler gleichsam einen Vorschlag erstellt. "Ich beschloß, ein ganzes System aus den Maschinenthemen aufzubauen und meine Biographie durch sie zu erzählen. Hatte ich nach dem Schulabschluß nicht geschwankt, Schriftsteller oder Maler zu werden? Auf meine Weise konnte ich beides tun. Wichtig war die Präzision, eine Maschine kann man nicht verschwommen malen, wichtig war die Richtigkeit der Komposition im Ausgleich von Spannung und Harmonie und, was die Farbe anging, die Mitte zwischen Schlichtheit und Schmelz", so Klapheck. (Konrad Klappheck, Warum ich male, München 1996, S. 23) Im Typus entspricht Klaphecks Idee jenen Modellen etwa der frühen 1950er Jahre wie die italienische Marke "Montesa". Eine Marke "Sprint" ist nicht bekannt. Allenfalls als zusätzliche Bezeichnung historischer Motorradschmieden verwendet, wird hier eine Marke "Sprint" von Klapheck als Marke in konstruktivem Verfahren seiner künstlerischen Herstellung verewigt. Und zugleich ist das Motorrad "Sprint", entrückt durch Größe, Abstraktion und Perfektion des Farbauftrages, dennoch zum Idol seiner Existenz geworden. "Meine Bilder", so schreibt Konrad Klapheck selbst, "sollen durch ihre Oberfläche so aussehen, als wären sie nicht von Menschenhand gemacht". Und neben diesem bemerkenswerten Aspekt im Werk des Künstlers wird sein surrealistischer Blick auf das Motiv seiner Begierde zu dem Zentralmotiv seiner Kunst: Klapheck erzählt Geschichten, seine spezielle Interpretation von Geschichten alltäglicher Gegenstände als Handlungsträger von Geschichten. "Jahrelang hatte ich alles getilgt, was nach Arbeit aussah. Ich hatte versucht, meinen Bildern ein Aussehen zu geben, als seien sie nicht von Menschenhand gemacht, als seien sie fertig vom Himmel gefallen. Sollte ich wirklich die Zeugen meines Ringens mit ihrem Schweißgeruch des verzweifelten Suchens und Tastens preisgeben? Sollte ich wirklich den langen Weg aufzeigen, der vom ersten Einfall zum fertigen Werk führt und gepflastert ist mit Enttäuschungen? Aber enthielten diese zerarbeiteten Blätter nicht auch etwas von der alles ausfüllenden Freude beim Finden des richtigen Strichs an der richtigen Stelle und wiesen sie nicht andere, noch unerfahrene Künstler auf eine Möglichkeit hin, die Inspiration herbeizuzwingen?“ (Konrad Klapheck, Über meine Zeichnungen, S. 25/26)

Klapheck – Der Meister einer surrealen Realität

Klaphecks Maschinen verweilen nicht in der reinen Figuration, ahmen keine Vorbilder nach, geben nicht die wirkliche Maschine wieder, sondern verwandeln sich vielmehr in die abstrakte Idee des jeweiligen durchaus real vorkommenden Gegenstands. Mit seinen sachlichen Schöpfungen von hoher assoziativer Dichte hat Konrad Klapheck letztlich René Magrittes berühmten Satz "Ceci n'est pas une pipe" künstlerisch auf die Spitze getrieben und den Unterschied zwischen der Realität und ihrer malerischen Repräsentation thematisiert. Mit der Überschrift "Sprint" geht er hier jedoch noch einen Schritt weiter, denn das geschriebene Wort ersetzt die eigentliche, durch die Verfremdungsstrategien des Künstlers verlorengegangene Eigenschaft der Geschwindigkeit: Allenfalls in unserer Fantasie kann das Wort "Sprint" die Freiheit schnellen Motorradfahrens auslösen. [MvL]



31
Konrad Klapheck
Die Jagd nach dem Glück, 1984.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 400.000
Ergebnis:
€ 2.468.000

(inklusive Aufgeld)