Auktion: 540 / Evening Sale am 09.06.2023 in München Lot 13


13
Max Liebermann
Große Seestraße in Wannsee, Um 1925.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 400.000
Ergebnis:
€ 1.742.000

(inklusive Aufgeld)
Große Seestraße in Wannsee. Um 1925.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten signiert. Verso auf dem Keilrahmen auf einem Galerieetikett handschriftlich mit dem Namen des Künstlers und mit der Nummer "20963" bezeichnet und betitelt "Große Straße in Wannsee". 73 x 92,2 cm (28,7 x 36,2 in).

• Meisterhafte Inszenierung der sommerlichen Flaniermeile in Berlin-Wannsee.
• Die "Große Seestraße" gehört zu Liebermanns schönsten Motiven.
• Über 90 Jahre umfassende Provenienzgeschichte: Sammlung Bruno Cassirer, Kunsthandlung Paul Cassirer und über 80 Jahre Teil einer Züricher Privatsammlung.
• Liebermanns Werke der 1920er Jahre gehören zu seinen beliebtesten Arbeiten auf dem internationalen Kunstmarkt.
• Vergleichbare Gemälde befinden sich in bedeutenden Sammlungen, darunter die Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, die Hamburger Kunsthalle, die Kunsthalle Bremen, die Gemäldegalerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen, Dresden, das Niedersächsische Landesmuseum, Hannover, und das Museum Wiesbaden
.

Mit einem schriftlichen Gutachten von Prof. Dr. Matthias Eberle, Max Liebermann-Archiv, Berlin, vom 10. Mai 2017. Die Arbeit ist in den Nachtrag des Werkverzeichnisses der Gemälde unter Nummer 1925/32a aufgenommen worden.

Einladung zum Vortrag im Rahmen unserer Berliner Vorbesichtigung:
"Max Liebermann in Wannsee – jenseits seines Gartens“.
Vortrag von Drs. Margreet Nouwen, Max Liebermann-Archiv, Berlin.
Termin: Donnerstag, 1. Juni 2023, 16 Uhr.
Ort: Ketterer Kunst, Fasanenstraße 70, 10719 Berlin.

PROVENIENZ: Sammlung Bruno Cassirer, Berlin (bis 30.8.1933).
Kunsthandlung Paul Cassirer, Berlin (am 30.8.1933 vom Vorgenannten erworben, bis 7.9.1933).
Galerie Aktuaryus, Zürich (am 7.9.1933 vom Vorgenannten erworben).
Sammlung Berti Guggenheim-Wyler, Zürich (1933 vom Vorgenannten erworben, danach in Familienbesitz).
Privatsammlung Berlin (vom Vorgenannten erworben).

Das Angebot erfolgt mit freundlichem Einverständnis der Erben nach Bruno Cassirer. Wir danken Frau Dr. Imke Gielen, Berlin, für die Beratung und für die gute Zusammenarbeit.

AUSSTELLUNG: Vermutl. Max Liebermann, Galerie Aktuaryus, Zürich, September 1933, Werkliste in: Galerie und Sammler, Monatsschrift der Galerie Aktuaryus, Zürich, Heft 9/10, S. 168, Kat.-Nr. 23 (m. d. Titel "Große Seestraße").

"Was in den Wannseebildern wirkt, ist die Stärke ihrer malerischen Übersetzung."
Erich Hancke, Max Liebermanns Kunst seit 1914, in: Kunst und Künstler, Jg. 20, 1922, S. 345.

"Wir wohnen wie alljährlich auf dem Lande und obgleich Wannsee noch zu Berlin gehört, doch etwas weiter vom Schuss als am Pariserplatz, wo ich, wenn ich aus dem Fenster sehe, die Unruhe der Zeit allzu deutlich gewahr werde."
Max Liebermann in einem Brief an William Rothenstein, 28. Juni 1934, zit. nach Ernst Braun, Max Liebermann. Briefe, Bd. 7, Nr. 694, S. 549.

1909 erwirbt Max Liebermann ein großzügiges Grundstück direkt am Wannsee, auf dem er in den darauffolgenden Monaten nicht nur eine repräsentative Sommer-Residenz, die "Liebermann-Villa" (seit 2006 privat geführtes Museum) errichtet, sondern auch eine beeindruckende, prächtige Gartenanlage mit Blumenbeeten, Birkenhain, Bootssteg, Gemüsegarten, Gärtnerhaus, Kieswegen, Sitzbänken und einem kleinen von August Gaul gestalteten Brunnen anlegen lässt. Ab 1910 verbringt der Künstler die Sommermonate mit seiner Familie in seinem Paradies am Wannsee, das ihm insbesondere in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zu einer erstaunlich intensiven, fruchtbaren künstlerischen Schaffensphase verhilft: Es beginnt die Werkphase der berühmten Wannsee-Bilder, in denen Liebermann insbesondere die verschiedenen Winkel seines prächtigen Gartens, den Wannsee oder seine unmittelbare Umgebung festhält und die heute als reizvoller Höhepunkt seines so vielfältigen Spätwerks gelten.

So zeigt auch die hier angebotene Arbeit nicht das Innere seines Gartens, sondern die damalige "Große Seestraße" (heute "Am Großen Wannsee"), die unmittelbar an Liebermanns Grundstück vorbeiführt und die der Künstler ab etwa 1915 in mehreren Gemälden festhält. Eine zeitgenössische Fotografie zeigt den Künstler mit Staffelei, Malutensilien und Schaulustigen auf der "Colomierstraße" malend, einer kleinen Seitenstraße der "Großen Seestraße" (Abb.). Liebermann begibt sich zum Malen meist mitten ins Geschehen und scheint auch für die hier angebotene Darstellung seine Staffelei mitten auf der Straße aufgebaut zu haben, mit Blick auf die allsonntäglich auf der Allee flanierenden Besucher des beliebten Ausflugsortes außerhalb der Stadt, direkt am Wannsee. Der Künstler zeigt eine sommerlich-heitere Szenerie auf der durch das Blätterdach der hohen, alten Bäume angenehm schattigen Flaniermeile. Hier und da tanzt das Sonnenlicht in hellen Flecken auf dem Boden, dort, wo oberhalb der Allee der strahlend blaue Himmel durch die Baumkronen blitzt, und die Spaziergänger sind in hellen Farben gekleidet, mit Hüten und Sonnenschirmen ausgestattet.
Mit ebendieser Leichtigkeit und Heiterkeit entspricht das Gemälde dem Wesen und dem Streben der Freilichtmalerei und des Impressionismus, dem sich Liebermann insbesondere nach seiner Parisreise 1896 verschreibt. Die hellen, satten, kräftigen Farben sind zum Teil pastos, in schwungvollen Pinselstrichen und -tupfern auf die Leinwand aufgetragen. Statt des viele Künstler inspirierenden Jahreszeitenwechsels ist es für Liebermann die satte Kraft und Pracht des Sommers, die er in seinen Bildern zeigen möchte. Sein Pinselduktus folgt dabei nicht einer bestimmten einheitlichen Struktur, sondern macht durch ganz unterschiedlich breite Pinselhiebe aus verschiedenen Richtungen und insbesondere durch die auch mit dem Spachtel aufgetragenen saftigen, starken Farben des Sommers die Lebendigkeit dieser Jahreszeit spürbar.

Die großstädtische Natur spielt in Liebermanns Œuvre eine übergeordnete Rolle. Seine Werke zeigen nicht nur seinen Garten und die Natur in seiner nachbarschaftlichen Umgebung in Berlin-Wannsee, sondern auch die Alleen im von ihm besuchten holländischen Overveen an der Nordsee oder im Berliner Tiergarten, den Amsterdamer Zoo, lauschige Biergärten im bayerischen Brannenburg und Gartenlokale an der Havel oder Polospieler im Hamburger Jenischpark.
Bereits mit der Wende zum 20. Jahrhundert hatte sich auch eine Wende in Liebermanns Schaffen vollzogen: von den früher in zahllosen Studien durchkomponierten, ernsten und nüchternen Darstellungen aus dem Arbeitsleben der Bauern und Fischer hin zur lebendigen Darstellung sportlicher Betätigung im Freien, von Tennisspielern, Reitern, Spaziergängern und Badenden. Von der altmeisterlichen, bräunlich-dunkeltonigen Farbskala hin zur Leichtigkeit der Freilichtmalerei mit ihrem hellen, pastelligen Kolorit, den lichten Nuancen und weichen Farbübergängen. Vom ausführlich geplanten und durchkomponierten Atelierbild im Sinne der akademischen Tradition hin zur spontanen, mit Pinsel und Spachtel auf der Leinwand komponierten Naturaufnahme vor dem Motiv.
"Große Seestraße in Wannsee" ist damit ein herausragendes Werk aus der so bedeutenden Schaffensphase der 1920er Jahre, das den Betrachter:innen Liebermanns so besondere Wandlung vom Realisten zum wohl bedeutendsten deutschen Impressionisten unmittelbar und unverfälscht vor Augen führt. [CH]



13
Max Liebermann
Große Seestraße in Wannsee, Um 1925.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 400.000
Ergebnis:
€ 1.742.000

(inklusive Aufgeld)