Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 26


26
Jan Schoonhoven
R 70-41, 1970.
Relief. Pappe, Papier und Latexfarbe auf Holz
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 150.000

(inklusive Aufgeld)
R 70-41. 1970.
Relief. Pappe, Papier und Latexfarbe auf Holz.
Verso signiert, datiert, betitelt und bezeichnet. 48 x 33 cm (18,8 x 12,9 x 4 in).

• Frühes, radikal reduziertes Relief des gefeierten niederländischen "ZERO"-Protagonisten.
• Eine vergleichbare Arbeit aus dem Jahr 1970 befindet sich in der Sammlung des Museum of Modern Art, New York.
• Aus der Sammlung des berühmten Kunsthistorikers Max Imdahl.
• 2014/15 war Schoonhovens Werk auf den großen "ZERO"-Schauen im Solomon R. Guggenheim Museum, New York, und im Martin Gropius Bau, Berlin, zu sehen.
• Schoonhovens monochrom weißes Hauptwerk zählt heute neben den Werken von Manzoni, Fontana, Uecker und Castellani zu den bedeutendsten Beiträgen der europäischen "ZERO"-Kunst
.

Wir danken Herrn Antoon Melissen, Amsterdam, für die freundliche wissenschaftliche Beratung. Die Arbeit wird in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis aufgenommen.

PROVENIENZ: Sammlung Prof. Max Imdahl, Bochum (direkt vom Künstler).
Privatsammlung Süddeutschland (1989 aus dem Nachlass des Vorgenannten erworben, bis 2016).
Privatsammlung Schweiz (seit 2016).

LITERATUR: Ketterer Kunst, Auktion 433, Kunst nach 1945 I, 11.6.2016, Los 952.

"The square is perhaps the purest of the basic shapes, a kind of frame of reference for all the others."
Jan Schoonhoven, 1972, zit. nach: Jan Schoonhoven, Delftse meester, De Telegraaf, 12.1.1972.

"Max Imdahl, dem die klarsten Niederschriften zum Werk Schoonhovens zu verdanken sind, bleibt bei noch so werktreuen Formulierungen der ungenannte Bedeutungsüberschuss der weißen Reliefs stets bewußt, ihr sprachlich Uneingeholtes."
Hanno Reuther, Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 9, S. 7.

Schoonhovens Reliefs faszinieren durch ihre formale Klarheit, ihre künstlerische Radikalität und ihre technische Perfektion. Bereits 1972 wird ihr einzigartiger Charakter als "Cool, strictly ordered, well-considered. But also familiar, humane and intimate" beschrieben (zit. nach: A. Melissen, Jan Schoonhoven's silent white revolution, in: J. Schoonhoven, Galerie Zwirner, New York 2015, S. 15). Schoonhoven war ein Einzelgänger, der tagsüber seiner nicht-künstlerischen Tätigkeit in der Immobilienabteilung der niederländischen Post nachging, bevor er sich allabendlich am Esstisch seines Delfter Grachtenhauses der konzentrierten Arbeit an seinen Reliefs hingibt. Durch den räumlichen Kontext ihrer Entstehung sind die Formate seiner Reliefs meist auf ein Maximum von gut einem Meter im Quadrat beschränkt. 1956 entsteht mit "Motel" sein erstes monochrom weißes Relief, das formal allerdings noch auf seinen informellen Kompositionen dieser Jahre basiert. Hier jedoch findet Schoonhoven bereits zu der sein weiteres Schaffen prägenden, antiakademischen Materialität des Papiermaché. Allerdings sollte erst die zunehmende formale Reduktion – wie in "R 70-41" – hin zu streng geometrischen Reihungen von Rechtecken oder Quadraten in den Folgejahren für die Einbeziehung des lebendigen Spiels von Licht und Schatten grundlegend sein. Der Grundstruktur des Quadrates kommt in Schoonhovens Schaffen eine entscheidende, geradezu prototypische Rolle zu, da der Künstler darin den reinsten Ausdruck einer geometrischen Grundform sieht, die für alle anderen geometrischen Formen grundlegend ist. "R 70-41" ist damit in besonderer Weise exemplarisch für Schoonhovens Schaffen: Es basiert auf einer vervielfachten Reihung von Quadraten, aus deren Zusammenstellung Schoonhoven ein großes Rechteck entwickelt.
Schoonhovens Reliefs begeistern durch ihre formale Klarheit, optische Ruhe und maximale Objektivität. Der bedeutende Kunsthistoriker Max Imdahl (1925–1988), Vorbesitzer unseres frühen Reliefs, war ein großer Bewunderer von Schoonhovens revolutionärem, sich jeglicher Form von Figuration und künstlerischer Geste entziehendem Schaffen. Die Objekthaftigkeit von Schoonhovens seriellen Reliefs hat Imdahl mit den folgenden Worten beschrieben: "Die weißen Reliefs sind dreidimensionale und als solche auch tastbare Objekte. Sie sind Objekte, insofern sie sind, was sie sind, also nichts darstellen oder nachahmen, was sie nicht sind. [..] In der Wiederholung des Gleichen besteht das Serielle. [..] Wie immer es, je nach Relief, auch ist, es ist jedenfalls immer, was es ist, sonst nichts.“ (Max Imdahl, zit. nach: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 9, S. 7). Ihre geometrische Strenge, für die architektonische Strukturen wie Mauern, Pflastersteine und Gitterabdeckungen zentrale Inspirationen liefern, bietet keinen Raum für eine spontane, gestische künstlerische Handschrift. Und so wird vor Schoonhovens "R 70-41" erfahrbar, was Max Imdahl das "sehende Sehen" nennt: Sehen als ästhetische Grunderfahrung, frei vom Wiedererkennen eines Gegenstandes (vgl. Max Imdahl, Jan J. Schoonhoven, R 74-8, 1974 (1979), in: Erläuterungen zur Modernen Kunst, Bochum 1990, S. 226-230).
Für Schoonhoven liegt der eigentliche künstlerische Schaffensprozess vorrangig in der Konzeption und im zeichnerischen Entwurf. Damit hat Schoonhoven eine der zentralen künstlerischen Grundideen der niederländischen "ZERO"-Bewegung, der Gruppe "Nul", der Schoonhoven ab 1958 angehört, auf den Punkt gebracht: die konsequente Verneinung der individuellen künstlerischen Handschrift. Schoonhovens monochrom weißes Hauptwerk zählt heute, wie auch das Schaffen von Piero Manzoni, Lucio Fontana, Günther Uecker oder Enrico Castellani, zu den bedeutendsten Beiträgen der europäischen "ZERO"-Kunst. [JS]



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Jan Schoonhoven
R 70-41, 1970.
Relief. Pappe, Papier und Latexfarbe auf Holz
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 150.000

(inklusive Aufgeld)