Auktion: 496 / Evening Sale am 06.12.2019 in München Lot 156


156
Lovis Corinth
Blumen im Bronzekübel, 1923.
Öl auf Holz, parkettiert
Schätzung:
€ 180.000
Ergebnis:
€ 450.000

(inkl. Käuferaufgeld)
Blumen im Bronzekübel. 1923.
Öl auf Holz, parkettiert.
Berend-Corinth 901 (dort fälschlicherweise als "Öl auf Leinwand" verzeichnet). Rechts oben signiert und datiert. 61,5 x 49 cm (24,2 x 19,2 in).
Japanischer Bronzekübel mit rosa Nelken, Goldlack und hellen Fliederzweigen. Gemalt im Atelier in der Klopstockstraße, Berlin. [JS].
• Wunderbares spätes Blumenstillleben in Corinths reifer, wilder Malweise.
• Aus dem Besitz des bedeutenden Moderne-Händlers Heinrich Thannhauser.
• Geschlossene Provenienz seit 1925.
• Zahlreiche üppige Blumenarrangements der 1920er Jahre befinden sich heute in bedeutenden öffentlichen Sammlungen, wie unter anderem in der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien (Berend-Corinth 854), der Nationalgalerie Berlin (Berend-Corinth 939) oder der Neuen Pinakothek in München (Berend-Corinth 932c)
.

PROVENIENZ: Sammlung Ludwig Schwarz (bis 1925).
Galerie Van Diemen, Berlin.
Moderne Galerie Thannhauser, Berlin/Luzern/München (vom Vorgenannten erworben).
Sammlung Oskar Federer, Ostrava/Prag (am 20. August 1927vom Vorgenannten erworben).
1939 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.
Galerie Vytvarného Umenì, Ostrava (November 1943; verso mit dem Etikett).
Municipal Museum, Ostrava (verso mit dem Etikett; seit 1943).
An die Nachkommen von Oskar Federer restituiert (2007/2009).
Privatsammlung Deutschland (seit 2009).

AUSSTELLUNG: Galerie Wiltschek, Berlin 1925, Kat.-Nr. 11, mit Abb. (unter dem Titel Blumenstück).
Moderne Galerie Thannhauser Berlin/Luzern/München, Eröffnungs-Ausstellung unseres neuen Berliner Hauses, Juni 1927, Kat. 28 (mit Abb.).
Avantgarde, Reiselust und Sinnesfreude, Corinth, Liebermann, Slevogt, Kunsthaus Apolda, 11.9.-18.12.2011, Kat.-Nr. 10, mit Abb., S. 69.

LITERATUR: Paul Graupe, Sammlung Ludwig Schwarz und Beiträge aus anderem Besitz, 19.10.1925, Lot 9 mit Abb.
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen, 7./\u8203 8.1925/\u8203 26, S. 72.
"Corinth, der Kraftmensch, der mit dem Pinsel bis zur Brutalität gewaltsam sein konnte, der die Farbenglut wie frisches Blut in sich trank [..] hat Blumenstücke gemalt, die von unendlicher Zartheit sind."
Karl Schwarz, Verfasser des grafischen Werkverzeichnisses, zit. nach: Lovis Corinth. Eine Dokumentation, Tübingen 1979, S. 240.

"Es kann wohl keine Blume geben, die Du nicht gemalt hast", schreibt Charlotte Berend-Corinth am 25. April 1926 in ihrer Aufzeichnung "Mein Leben mit Lovis Corinth", die die Witwe mit dem 30. August 1925 beginnt, sechs Wochen nach dem Tod ihres Mannes. Chrysanthemen, Kalla, Flieder, Amaryllis, Rosen, Gladiolen, Lilien, Orchideen, Tulpen, Wicken, Rittersporn, Weidenkätzchen, Eichenlaub, Nelken und immer wieder Flieder: Zu Corinths "großen" Gemälden gehören zweifellos seine Blumenbilder. Abwechselnd zu Landschaften, Figurenbildern mit mythologischem Hintergrund, Walchenseelandschaften, Innenräumen mit Porträts der Familie und Persönlichkeiten sowie Selbstporträts in allen Lebenssituationen malt Corinth üppige wie farbig ungehaltene Blumen, als würde er damit seine Palette gleichsam reinigen und sich befreit von Zwängen auf das reine, wilde Malen besinnen. Er ist fasziniert von dem Reichtum der botanischen Blütenwelt, begeistert von der blühenden und vergehenden Üppigkeit der Natur, begleitet von den Jahreszeiten. Dieses hier vorzustellende Blumenstück von 1923, in der expressiven Walchensee-Zeit auf Holztafel gemalt, birst geradezu das vom Künstler selbst gewählte Format; parallel geführte Strichlagen unter Einsatz grober Pinsel homogenisieren den Raum zwischen den Farbfeldern von rosa Nelken, hellrotem Goldlack, gelben Chrysanthemen und hellen Fliederzweigen, dem japanischen Bronzekübel auf dem Tisch mit weißblauer Tischdecke. Es ist eine häusliche Situation, platziert mit Objekten aus dem Alltag des Künstlers und seiner Frau Charlotte Berend, im Berliner Atelier in der Klopstockstraße. Viele Weißhöhungen, über das Motiv verteilt, springen wie Lichter ins Auge. Der stark pastose Farbauftrag akzentuiert und ordnet das Arrangement der Blumen vor der in dunklem Rosa gehaltenen Wand, dem Hintergrund der sich nahezu über das ganze Format ausbreitenden Szene.
Corinth muss seine Malweise seit dem Schlaganfall 1911 den gegebenen Umständen anpassen, um die Unsicherheit im Motorischen zu kompensieren. Natur und Malerei scheinen sich im mutigen wie zügigen Vortrag des Pinselduktus gefunden zu haben und zu einer Dematerialisierung und Spiritualisierung des Gesehenen führen, ein hohes Ziel, dem Corinth mit diesem Blumenbild auf unerhörte Weise nähergekommen ist. Rückbeziehungen zur flämischen Blumenstilllebenmalerei lassen sich herstellen, allerdings fehlt hier der nachdrückliche Hinweis auf Vergänglichkeit, außer im Verblühen, das als immanent gegeben erscheint. Bewusst negiert Corinth also den tiefen Sinn der traditionellen Stilllebenmalerei, löst die naturgegebene Zartheit der Blumen mit erstaunlich gewagt wirkender Farbigkeit lustvoll auf, um sie in lebensfroh sinnliche Üppigkeit zu überführen.
Die Dynamik dieser Komposition, die Anordnung und Charakterisierung der Blumen begeistert auch Heinrich Thannhauser, den Gründer der Modernen Galerie in München, dem Ort, an dem die für die Moderne bewegende erste Ausstellung der Künstler um den "Blauen Reiter" im November 1911 stattfindet. Schon 1918 fertigt Corinth ein Porträt des in München und später in Berlin agierenden Kunsthändlers; dieser wird das Blumenbild wohl bald nach seiner Entstehung als Erster besitzen, bevor er es an den Sammler Oskar Federer in Prag veräußert. [MvL]



156
Lovis Corinth
Blumen im Bronzekübel, 1923.
Öl auf Holz, parkettiert
Schätzung:
€ 180.000
Ergebnis:
€ 450.000

(inkl. Käuferaufgeld)