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Japonismus

Auf der Suche nach neuen formalen Mitteln für die Gestaltung einer veränderten Welt blickten viele Künstler Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auf Japan. Die Rezeption ostasiatischer Kunst in Europa war in früheren Jahrhunderten - wie bei der "Chinoiserie" des 18. Jahrhunderts - von Unverständnis und vor allem von Unkenntnis geprägt. Durch die Marktöffnung Japans ab 1855 änderte sich diese Situation und die Europäer lernten japanische Kunst und andere Waren auf den Weltausstellungen kennen. Erste Rezeptionszentren waren London und insbesondere Paris, wo 1886 bereits vierzig auf Asiatika spezialisierte Geschäfte verzeichnet waren - zusätzlich zum Angebot solcher Artikel in großen Warenhäusern.
Neben der eher als Exotismus zu bezeichnenden Darstellung japanischer Objekte in Porträts und anderen Kompositionen drückt sich die Japanbegeisterung der europäischen Avantgardisten durch die Übernahme formaler Merkmale und durch ihre Faszination für ein idealisiertes Japanbild aus, das sie aus den Werken entnahmen und als Gegenstück zur industrialisierten Welt verstanden. Die Impressionisten waren die ersten, die sich systematisch damit auseinandersetzten. Die wichtigsten Anregungen kamen von den japanischen Farbholzschnitten (Ukiyo-e): Vom Rahmen beschnittene Gegenstände, asymmetrische Kompositionen, die Abschaffung des Mittelfeldes und die Vogelperspektive sind einige Beispiele. Zu den eifrigsten Japanbegeisterten zählte auch Vincent van Gogh, der japanische Holzschnitte sogar in Öl kopierte. Neben den benannten Aufbaustrategien waren ihm auch die Aufwertung der Fläche, der schattenlose Farbgebrauch und vor allem der dynamische Wert des Pinselstriches wichtig.
Auch der Jugendstil ist ohne den Einfluss Japans undenkbar, vor allem hinsichtlich der freien Bewegung der ornamentalen Linie und der Zweidimensionalität. In diesem Zusammenhang erfuhr außerdem das Kunsthandwerk wichtige innovative Impulse. Im Expressionismus ließ die Japanbegeisterung zugunsten des Primitivismus etwas nach. Trotzdem beschäftigten sich Künstler wie Kandinsky oder Egon Schiele noch sehr intensiv damit. Schiele zum Beispiel bezog wichtige Aufbaustrategien von der japanischen Kunst wie etwa die Aufwertung des leeren Raumes oder die gitterartige Komposition.
Andere wichtige Künstler, die stark von Japan beeinflusst wurden, sind beispielsweise James Abbot McNeill Whistler, Gustav Klimt und Alfred Kubin.


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