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Geometrische Abstraktion vor 1945

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstarkende Tendenz, vom Dinglichen zu abstrahieren und Farben wie Formen einen gesteigerten Eigenwert zuzuerkennen, lässt sich in zwei Hauptströme einteilen: in eine eher rationale, geometrische Abstraktion und in die geistig-psychische Abstraktion mit Wassily Kandinsky als ihrem Hauptvertreter.
Die Wurzeln der geometrischen Abstraktion liegen verzweigt: Wichtige theoretische Voraussetzungen lieferte einerseits die Mathematik als objektiver Grundstein, andererseits wurde über die Analogie zu Musik und Harmonielehre die Vorstellung von der systematischen Aktivierung des Gefühls über Töne und Klänge vertreten. Stichwortgebend war außerdem der Kubismus mit seiner Formzerlegung und der Auffächerung des Bildraumes. Piet Mondrian (1872-1944) ging sogar so weit, 1912 eigens nach Paris zu reisen, um die kubistischen Werke vor Ort zu studieren und um schließlich, 1914 nach Holland zurückgekehrt, einen zuvor ungekannten, ab 1917 im De Stijl beherbergten, strengen geometrischen Stil einzuschlagen.
Die geometrische Abstraktion nahm eine ebenso schnelle wie - trotz ihrer grundsätzlich gleichen Verortung - heterogene Entwicklung in den unterschiedlichen Ländern Europas. Die Anfänge liegen am Beginn der 1910er Jahre in Frankreich mit František Kupka, Robert Delaunay und Sonia Delaunay-Terk, 1913 entstand in Russland der Suprematismus um Kasimir Malewitsch, 1917 konstituierte sich in Holland die De Stijl-Bewegung mit Piet Mondrian und Theo van Doesburg, ab den 1920er Jahren setzte sich die geometrisch-abstrakte Malerei mit Wassily Kandinsky und Georg Muche am Bauhaus durch. Weiter sind Otto Freundlich, Auguste Herbin, Alberto Magnelli und Richard Mortensen Vertreter der geometrisch-abstrakten Kunst.
Stilistische Merkmale der geometrischen Abstraktion sind die Konzentration auf geometrische Grundformen, die Rhythmisierung der Farbflächen, die Fokussierung auf die Linie und den (rechten) Winkel sowie eine grundsätzliche logische und strukturelle Organisiertheit der Werke.
Ähnliche künstlerische Ausdrucksmittel sind gleichzeitig formale Kennzeichen der Konkreten Kunst, die sich jedoch durch ihr theoretisches Fundament grundlegend von der geometrischen Abstraktion unterscheidet: Konkrete Kunst hat keinerlei Bezug zur außerkünstlerischen Realität und abstrahiert demzufolge nicht von dieser, vielmehr erschafft sie eine eigene künstlerische Wirklichkeit.


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