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Lexikon
Berliner Jugendstil

Anders als der hessische Großherzog lehnte der preußische Kaiser Wilhelm II. jede Neuerung in der Kunst ab. Beim Anblick der Werke des belgischen Jugendstil-Künstlers Henry van de Velde sagte der Kaiser, er würde "seekrank" werden, und auch die Edvard Munch-Ausstellung 1892 in Berlin ließ er empört schließen. Im gleichen Jahr hatten sich aber bereits einige Künstler gegen die offizielle Kunstauffassung vereint. Sie nannten sich die Gruppe der "Elf" nach dem Vorbild der belgischen "Les Vingt". Die darin vertretenen Stilrichtungen waren vielfältig: Impressionismus, Naturalismus, Symbolismus und Jugendstil. Gemeinsam war den Mitgliedern der "Elf" nur die Forderung nach einer Erneuerung der Kunst gegen die vom Schlachtenmaler Anton von Werner verkörperte wilhelminische Auffassung. Wichtige Mitglieder der "Elf", aus der 1898 die "Berliner Sezession" entstand, waren Max Klinger, der Impressionist Max Liebermann und der Landschaftsmaler Walter Leistikow.
Wie in München wurde auch in Berlin eine Zeitschrift gegründet, die als Plattform für die neue Kunst diente: "Pan". Die Namenswahl ist ebenso programmatisch wie "Jugend", denn "Pan" stand nicht nur für den Naturgott der Antike, sondern auch für die Bedeutung des Wortes "all" bzw. "ganz". Hierin fand der Einheitsdrang des Jugendstils einen geeigneten Ausdruck. Obschon die wohl zu exklusive Zeitschrift keinen Erfolg verzeichnete und bereits 1900 aufgegeben werden musste, fanden sich dort Beiträge fast aller wichtigen Künstler der Zeit. So entwarf dort Otto Eckmann (1865-1902), der zuerst in München und ab 1897 in Berlin wirkte, einige seiner besten Schrift- und Ornamentarten wie die fantasievollen, in geschwungenem Pflanzendekor verwickelten Initialen der Zeitschrift. Andere wichtige Beiträge des Jugendstils lieferten Theodor Heine, Ludwig von Hofmann und Karl Koepping, der Vorstandsmitglied von "Pan" war. Die auch in Berlin zwiespältige Haltung des deutschen Jugendstils gegenüber der internationalen Kunst verdeutlicht andererseits die ablehnende Reaktion auf die Publikation einer Lithographie Toulouse-Lautrecs in "Pan", weshalb der Rücktritt der Redakteure gefördert wurde.
Im Hinblick auf das für den Jugendstil so wichtige Kunsthandwerk sind in Berlin insbesondere die Leistungen der Glas- und Schmuckkunst hervorzuheben. Der Glasmacher Karl Koepping (1848-1914) schuf zierliche und elegante Gefäße, die von der Struktur der Blumen inspiriert waren. Seine Formensprache erhielt wichtige Impulse vom Pariser "Art Nouveu". Im Bereich der Schmuckkunst ist das Werk von Wilhelm Lucas von Cranach (mit dem Maler Lucas Cranach verwandt) hervorzuheben. Zu seinen Hauptarbeiten gehört eine suggestive Brosche aus Edelsteinen und Barockperlen mit einem Tintenfisch, der einen Schmetterling umschlingt. Typisch für den Jugendstil sind die Fantasie, die organische Bewegung und die dekorative Wirkung sowie eine Vorliebe für Themen von Leben und Tod, die auch dieses Schmuckstück auszeichnen.


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