Auktion: 500 / Evening Sale am 17.07.2020 in München Lot 218

 
218
Alexej von Jawlensky
Kleiner abstrakter Kopf, 1934.
Öl auf Papier, vom Künstler auf Unterlagekarton...
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 50.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Kleiner abstrakter Kopf. 1934.
Öl auf Papier, vom Künstler auf Unterlagekarton aufgelegt.
Jawlensky/Pieroni-Jawlensky 2359 (Nachtrag). Links unten monogrammiert. Verso signiert, datiert und bezeichnet "N 197 J.". 15,6 x 11,3 cm (6,1 x 4,4 in), blattgroß.
Das Gemälde ist als Nr. 8 auf der Liste von Werken enthalten, die Jawlensky am 1. Dezember 1934 an Emmy Galka Scheyer sendet. [CH].

• Bedeutende Provenienz: Teil der Sammlung Galka Scheyers und später Eric Warburgs, USA.
• Aus der zwischen menschlicher und göttlicher Ebene sich bewegenden Werkserien der "Meditationen" und "Köpfe"
• 1934 widmet sich der Künstler bereits seinen "Meditationen", schafft mit dieser Arbeit jedoch noch einmal ein Werk mit den kompositionellen Merkmalen eines "Abstrakten Kopfes".
• Dieser "Kleine abstrakte Kopf" erscheint wie eine Zusammenfassung aller 'Köpfe' und 'Gesichter' auf dem Weg zur reifen 'Meditation'
.

Mit einer Fotoexpertise des Alexej von Jawlensky-Archivs S. A., Locarno, vom 22. Oktober 2003. Die Arbeit wird in den Nachtrag des Werkverzeichnisses der Gemälde aufgenommen.

PROVENIENZ: Emilie Ester (Galka) Scheyer, Los Angeles, USA (1934 direkt vom Künstler erhalten; das Werk ist auf der Liste von Werken enthalten, die Jawlensky 1934 in Kommission an Scheyer sendet).
Sammlung Eric M. Warburg (1900-1990), USA.
Privatsammlung (als Geschenk vom Vorgenannten erhalten).
Sammlung Lauber, Hessen (ab 2005).
Privatsammlung Rheinland.

LITERATUR: Sotheby’s, London, 4.2.2004, Lot 267 (mit Farbabb.).

Essay
Dieser kleine abstrakte Kopf ist der Endpunkt von kolossalen Serien und gleichzeitig ein Vorbild, der Auftakt für den Beginn der beeindruckenden "Meditationen", die letzte Serie des Künstlers. Ende September 1917 zieht der Künstler und Marianne von Werefkin mit Helene und Andreas nach Wollishofen bei Zürich und er beginnt seine Serie der "Mystischen Köpfe" zu malen, inspiriert vom menschlichen Gesicht. In der Regel handelt es sich um Frauenköpfe. Im Frühjahr 1918 übersiedelt Jawlensky mit seinem 'Tross' nach Ascona am Lago Maggiore. Aus den "Mystischen Köpfen" entwickelt Jawlensky dort allmählich eine neue Serie von Kopfbildern, die "Konstruktiven Köpfe" und "Heilandsgesichter". Einer der ersten Köpfe trägt den programmatischen Titel "Urform". Diese Gesichter füllen zumeist das Format, können nach links oder rechts geneigt sein, der Hals wird bisweilen noch angedeutet, ein Bezug zu realen Personen ist weitgehend reduziert. Seine Formensprache bedient sich nun einer geometrisch anmutenden Komposition von Waagrechten und Senkrechten. Große, fast monochrom wirkende Farbflächen ersetzen rundlich-ovale Farbfelder, die Augen und der Blick als solche existieren nicht mehr, waagrechte Farbbalken und ein aus verschiedenen Farben komponierter Bogen kennzeichnen die Augenpartie. Der Hintergrund wird horizontal zweigeteilt mithilfe von leicht differenzierten Farbschattierungen. Clemens Weiler, Jawlenskys erster wichtiger Biograf, überliefert folgenden Gedanken des Künstlers: "Sagen Sie jedem, dass das kein Gesicht ist. Es ist das nach unten sich Abschließende, das nach oben sich Öffnende, das in der Mitte sich Begegnende." (Alexej von Jawlensky, Lebenserinnerungen, in: Clemens Weiler, Alexej Jawlensky. Köpfe, Gesichte, Meditationen. Hanau, 1970. Wiederabdruck in: Ausstellungskatalog Alexej von Jawlensky. Reisen, Freunde, Wandlungen, hrsg. von Tayfun Belgin, Museum am Ostwall, Dortmund, Heidelberg, 1998, S. 116).
Diese sich zwischen menschlicher und göttlicher Ebene bewegende Serie beschäftigt Jawlensky bis etwa 1933, nahezu 15 Jahre. Er nennt seine Variationen auch Lieder ohne Worte, gibt ihnen bisweilen Titel, die auf Begriffe aus dem Bereich der Musik verweisen, wie Glanzakkord, Sommerklang, Scherzo, Herbstklang und Lobgesang. Auch für die "Abstrakten Köpfe" hat der Künstler assoziative Titel parat wie etwa seelische Melodie und Symphonie in Rosa. "Abstrakte Köpfe" bilden das Fundament, den Ausgang für die letzte Serie, die der Künstler anschließend mit den "Meditationen" inszeniert, ein weiterer, konzentrierter Aspekt in seinem bisherigen seriellen Werk. Dieser "Kleine abstrakte Kopf" erscheint wie eine Zusammenfassung aller 'Köpfe' und 'Gesichter' auf dem Weg zur reifen 'Meditation'. Noch leicht vom Betrachter aus gesehen nach rechts geneigt, konstruiert der Künstler noch einmal mit wenigen Details die festgeschriebenen Konturen des Antlitzes, massiert gleichsam die Farbpalette der künftigen 'Meditationen' mit dem Pinsel in die vorgesehenen Gesichtsfelder ein und inszeniert den von Melancholie und innerer Konzentration getragenen Kopf auf schwarzem Grund. Die Provenienz dieser Arbeit erregt Aufmerksamkeit. Emmy „Galka“ Scheyer, die Künstlerin, lernt der Künstler 1916 in Lausanne anlässlich einer Ausstellung kennen und sie wird ihre künstlerischen Ambitionen aufgeben, um sich intensiv der Vermarktung der Werke Jawlenskys vor allem in Amerika anzunehmen. Mit ihr steht der Künstler in ständigem Kontakt und so sendet Jawlensky dieses hier vorliegende Werk „Kleiner abstrakter Kopf“ zu ihr in die USA; sie wohnt damals in Los Angeles. Es gelingt ihr den 'Kopf' an den in Hamburg geborenen, einflussreichen deutsch-amerikanischen Bankier, Politikberater und Kunstsammler Eric M. Warburg zu vermitteln. [MvL]
218
Alexej von Jawlensky
Kleiner abstrakter Kopf, 1934.
Öl auf Papier, vom Künstler auf Unterlagekarton...
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 50.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
 


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