Auktion: 502 / Klassische Moderne II am 18.07.2020 in München Lot 387

 
387
Josef Scharl
Arbeiterbildnis, 1930.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 12.000
Ergebnis:
€ 30.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Arbeiterbildnis. 1930.
Öl auf Leinwand.
Firmenich/Lukas 156. Rechts unten signiert und datiert. Auf dem Keilrahmen mit einem Etikett, dort signiert, betitelt und mit Adressangaben bezeichnet. Im Original-Künstlerrahmen. 159 x 53 cm (62,5 x 20,8 in).

• In Scharls Meisterwerken der 1920/30er Jahre haben sich die schmerzvollen Erfahrungen von Leid, Arbeit, Armut und Resignation in die geschilderte Physiognomie seiner namenlosen Protagonisten eingegraben.
• Herausragende Komposition von hochmoderner Wirkung, die bereits Tendenzen der zeitgenössischen Figuration von Bacon bis hin zum Fotorealismus vorwegnimmt.
• Vergleichbare Gemälde befinden sich im Lenbachhaus, München, in der Kunsthalle Emden und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München
.

PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers (1954).
Galerie Nierendorf, Berlin (vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Norddeutschland (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Josef Scharl, bei J.B. Neumann u. Guenther Franke, München 1931, Kat.Nr. 20.

"Menschlichen Gesichtern begegne ich sehr wenigen, diese Menschen zeigen in ihren Gesichtszügen sehr deutlich, dass sie an allen wahrnehmbaren Dingen in der Welt teilgenommen haben, wie Leid, Freude, Wissen und bewusste Vernunft."
Josef Scharl, 1951, zit. nach: Andrea Firmenich (Hrsg.), Josef Scharl, Köln 1999, S. 36.

Essay
I n Scharls Meisterwerken der 1920/30er Jahre haben sich die schmerzvollen Erfahrungen von Leid, Arbeit, Armut und Resignation in die geschilderte Physiognomie seiner namenlosen Protagonisten eingegraben. Es sind menschliche Landschaften, die über die Jahre durch den Lauf des Daseins geformt wurden, in denen man ihr vergangenes Leben in seiner ganzen emotionalen Bandbreite lesen und zurückverfolgen kann. In unserem frühen "Arbeiterbildnis" hat Scharl sich ganz auf diese physiognomischen Besonderheiten konzentriert, die menschliche Gestalt ganz isoliert vor einen dunklen Fond gestellt. Die Isolation und Dekontextualisierung ist für den noch heute als hochmodern empfundenen Charakter dieses eindrucksvollen Werkes verantwortlich. Natürlich erinnern die gezeichneten Gesichtszüge und die von schwerer körperlicher Arbeit geformten, klobigen Hände etwa an den frühen van Gogh oder Otto Dix` berühmtes und in zwei Versionen geschaffenes "Bildnis der Eltern" (1921, Kunstmuseum Basel. 1924, Sprengel Museum, Hannover), Dix' Eltern jedoch haben noch auf einem gründerzeitlichen Sofa und vor einer bunt bemalten Wand Platz genommen und werden also zumindest auf den ersten Blick noch in die klassische Tradition des Doppelporträts gestellt. Scharl hingegen fokussiert sich im vorliegenden Gemälde ganz auf das dargestellte Individuum und löst es aus all seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Es wird uns - einer pathologischen Sektion entprechend - allein auf seine Körperlichkeit reduziert präsentiert und tritt uns auf diese Weise in seiner menschlichen Präsenz noch eindringlicher gegenüber. Diese Unmittelbarkeit, der sich der Betrachter kaum wieder zu entziehen vermag, nimmt bereits Tendenzen der Nachkriegsmoderne von Baselitz über Bacon bis hin zu den überzeichnet veristischen Porträts des Fotorealismus vorweg. [JS]
387
Josef Scharl
Arbeiterbildnis, 1930.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 12.000
Ergebnis:
€ 30.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)