Auktion: 500 / Evening Sale am 17.07.2020 in München Lot 211

 
211
Otto Dix
Granattrichter, Um 1916.
Öl über Bleistift
Schätzpreis: € 140.000 - 180.000
+
Objektbeschreibung
Granattrichter. Um 1916.
Öl über Bleistift.
Pfäffle G 1916/22. Mittig rechts sowie rechts unten signiert. Verso bezeichnet "bleibt Eigentum 16". Auf Malpappe. 28,2 x 28,6 cm (11,1 x 11,2 in). [CH].

• Bizarr bunte Kriegsästhetik einer Trümmer-, Trichter- und Grabenlandschaft.
• Eines von fünf Gemälden mit dem Blick auf "Krieg- und Soldatenalltag".
• Dix dokumentiert die Moderne: eine Chronologie über expressionistische Formverzerrung bis zur abstrakten Endzeitvision.
• Gemälde aus den Kriegsjahren finden sich äußerst selten auf dem Auktionsmarkt
.

PROVENIENZ: Privatsammlung Bad Nenndorf/Niedersachsen.

AUSSTELLUNG: Otto Dix. Zum 100. Geburtstag 1891-1991, Galerie der Stadt Stuttgart, 4.9.-3.11.1991, Nationalgalerie, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin, 23.11.1991-16.2.1992, S. 63 (mit Farbabb.).
Neue Sachlichkeit. Bilder auf der Suche nach der Wirklichkeit - Figurative Malerei der zwanziger Jahre, Städtische Kunsthalle, Mannheim, 9.10.1994-29.1.1995, S. 233 (mit ganzseitiger Farbabb., S. 49).
Otto Dix 1891-1969, Kunsthandel Jörg Maaß, Berlin 2012, Kat.-Nr. 29 (mit ganzseitiger Farbabb.).
1914 und die Folgen, Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf, 8.7.-27.9.2014 (mit Farbabb.).

LITERATUR: Ulrike Lorenz, Otto Dix. Welt und Sinnlichkeit, in: Ausst.-Kat. Otto Dix. Welt und Sinnlichkeit, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg, 23.10.2005-29.1.2006, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen / Kunstverein Schaffhausen, 11.6.-8.10.2006, S. 39 (mit Farbabb.).
Olaf Peters (Hrsg.), Ausst.-Kat. Otto Dix, Neue Galerie, New York, 11.3.-30.8.2010, Montreal Museum of Fine Arts, Montreal, 24.9.-2.1.2011, S. 16 (mit Farbabb., Nr. 6).

Aufrufzeit: 17.07.2020 - ca. 17.19 h +/- 20 Min.

Essay
Ein alter Granattrichter von Blumen gerahmt, Stacheldrahtverhau im Hintergrund, Sonnenhimmel verbirgt sich hinter grauweißen Explosionswolken. Das Ereignis "Krieg" ist über dies stückweise hinweggezogen, frisst sich weiter in das Land, hinterlässt tiefe Narben, Granattrichter neben Granattrichter, und die Natur erobert sich das Zerstörte, das Genommene zurück. Otto Dix protokolliert das Naturereignis Krieg, taucht ihn in bunte Farben, die Erde blüht grün, gelb und rot, überdeckt das Leid der Soldaten, die Mann gegen Mann sich bekämpfen, Meter für Meter, hin und her. Die Expressivität des Ereignisses Krieg analysiert Dix, spiegelt uns als Betrachter seinen kritischen Blick auf diese Wahrhaftigkeit, die dieser Erste Weltkrieg zwischen Deutschland und Frankreich hervorgerufen hat. Dix dokumentiert wie hier eine Hinterlassenschaft, die Landschaft als geschundenes Stück Erde. Und sie blüht dennoch.
Otto Dix ist von Beginn an dabei, er meldet sich 1914 als Kriegsfreiwilliger und sieht, wie so viele intellektuelle Zeitgenossen den Krieg als Symbol des Aufbruchs, die Realitätwerdung des Futurismus. Seine persönlichen Kriegserfahrungen an vorderster Front, den Schrecken des Todes, die Opfer der Zivilbevölkerung und die Grausamkeiten der verrohten Soldaten bewältigt Dix in zahlreichen Bleistift-, Kreide- und Kohlezeichnungen, in Gouachen von übersteigerter Buntheit, die er an der Front in den Gräben fertigt und die schließlich in seinem grafischen Hauptwerk, dem Zyklus "Der Krieg" (1924) mit 50 Radierungen noch brutaler, direkter und schonungsloser wiedergegeben, kulminieren. Seine Kriegsbilder dokumentieren menschliche Dynamik, gewaltige Kraftanstrengung und entsetzlichen Fortschritt. "Läuse, Ratten, Drahtverhau, Flöhe, Granaten, Bomben, Höhlen, Leichen, Blut, Schnaps, Mäuse, Katzen, Gase, Kanonen, Dreck, Kugeln, Mörser, Feuer, Stahl, das ist der Krieg! Alles Teufelswerk!", notiert Dix 1915 und 1916 in seinem Tagebuch (Otto Dix, Kriegstagebuch, 1915/1916, Städtische Galerie Albstadt, Sammlung Walther Groz).
Dix wird im August 1914 als Ersatz-Reservist eingezogen und am schweren MG ausgebildet. Im September 1915 meldet er sich freiwillig an die Front. Von November 1915 bis Dezember 1916 heißen die Kriegsschauplätze für ihn Champagne, Artois mit den Stellungskämpfen im französischen Flandern, Sommeufer, wo sich zwei Großschlachten ereignen. 1916 Eisernes Kreuz II. Klasse. Ab 1917 ist Dix an der Ostfront eingesetzt. 1918 Beförderung zum Vizefeldwebel nach einer Verwundung. Zwischen 1915 und 1918 entstehen 46 Feldpostkarten, eine Chronik des Geschehens in kurzen, knappen, aber dabei eindringlichen Skizzen. "Oft genug indes war man beim Kriegsgeschäft zu zermürbendem, stumpfsinnigem Ausharren in Unterständen und unterirdischen Stollen verurteilt. Das Starre, Unmenschliche muß man gesehen haben", so der Künstler Jahre später. Otto Dix ist einer der wenigen deutschen Künstler, der den Ersten Weltkrieg von 1915 bis Dezember 1918 an vorderster Front erlebt und dabei sein Selbstverständnis ausformuliert: "Der Künstler: Einer, der den Mut hat, Ja zu sagen." Auf tornistergroßen Packpapierblättern mit Bleistift, schwarzer Kreide, Tusche, Aquarell und Gouache dokumentiert der Künstler die Moderne, eine Chronologie über expressionistische Formverzerrung und kubofuturistische Dingzerlegung bis zur abstrakten Endzeitvision.
Die Werkverzeichnisse von Löffler und Pfäffle verzeichnen etwa 500 Zeichnungen und 86 Gouachen, aber lediglich fünf Gemälde, darunter diesen Blick auf die Hinterlassenschaft von Krieg- und Soldatenalltag, überhöht in bizarr-bunte Kriegsästhetik einer Trümmer-, Trichter- und Grabenlandschaft im Frühjahr 1916 vor Reims. [MvL]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Otto Dix "Granattrichter"
Dieses Objekt wird differenzbesteuert, zuzüglich einer Einfuhrumsatzabgabe in Höhe von 7 % (Ersparnis von etwa 5 % im Vergleich zur Regelbesteuerung) oder regelbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 32 % Aufgeld
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Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 25%, Teilbeträge über € 500.000 20% Aufgeld, jeweils zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer

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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4% inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.