Auktion: 500 / Evening Sale am 17.07.2020 in München Lot 280

 
280
Emil Nolde
Marschlandschaft, Um 1935.
Aquarell
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 118.750

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Marschlandschaft. Um 1935.
Aquarell.
Rechts unten schwer leserlich signiert. Auf feinem Japan. 25 x 14,7 cm (9,8 x 5,7 in), blattgroß. [CH].

• Raffinierte Verbindung zwischen feingliedriger Zeichnung und flächig-expressivem Farbenspiel.
• Stimmungsvolle Himmelskomposition von Feuerrot und Nachtblau.
• Außergewöhnliches Format
.

Mit einer schriftlichen Bestätigung von Prof. Dr. Martin Urban, damaliger Direktor der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, vom 8. September 1990 (in Kopie). Das Werk ist im Archiv der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde registriert.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland.

Essay
Bereits 1916 zieht das Ehepaar Nolde von der Insel Alsen ans Meer um Utenwarf am Ruttebüller Tief. Etwa zehn Jahre später lassen sie sich ganz in der Nähe, in Seebüll, in der fast menschenleeren Weite des Gotteskoogs, dem größten Koog im Kreis Nordfriesland, nieder. Für den Künstler bleibt dieses Fleckchen Erde Zeit seines Lebens Rückzugsort und Inspirationsquelle. Ihm gefällt die Abgeschiedenheit, der peitschende Wind, das tosende, oft wilde Meer, der ferne Horizont, die kühlen, nordischen Lichtverhältnisse, die ganz besondere, raue Natur der flachen Marschlandschaft "mit dem hohen, ereignisreichen Himmelsgewölbe, wo Wasser, Land, und Licht sich immer wieder neu zu einer grandiosen Einheit finden, mit den mächtigen Wolkengebilden und den glühenden Farbenorgien der Sonnenuntergänge" (Prof. Manfred Reuther, in: Ausst.-Kat. Emil Nolde. In Glut und Farbe, Wien 2014, S. 126). All das inspiriert ihn und bietet ihm die idealen Bedingungen für seine Kunst. Er schreibt: "Unsere Landschaft ist bescheiden, allem Berauschenden, Üppigen fern, [..] aber sie gibt dem intimen Beobachter für seine Liebe zu ihr unendlich viel an stiller, inniger Schönheit, an herber Größe und auch an stürmisch wildem Leben." (Nolde, in: Reisen, Ächtung, Befreiung, S. 9). Neben einigen Gemälden entstehen in diesen Jahren zahlreiche meisterliche Aquarelle, in denen Nolde seine über die Jahre perfektionierte Fähigkeit des Nass-in-Nass-Aquarellierens unter Beweis stellen kann. In langen, ermüdenden Wanderungen fängt er in reinen, ungebrochenen und kräftigen Farben die ihn umgebende Landschaft ein, lässt die Farbflächen in fließenden Übergängen gekonnt, aber auch unter Einbeziehung des kontrollierten Zufalls auf dem Papier ineinanderlaufen."Mit vollgetränktem, schwerem Pinsel und in raschen, fast organisch sicheren Abläufen" entstehen die dramatischen Wolkengebilde somit unmittelbar und "virtuos aus der Farbe." (In Glut und Farbe, S. 129). Das hier angebotene Aquarell weiß dieses Vorgehen, Noldes ganz eigene, meisterliche Technik beispielhaft zu visualisieren und besticht dabei mit seinem fast abstrakt anmutenden Spiel der besonders leuchtkräftigen, intensiven Farben. Erst später setzt der Künstler dann das so feingliedrige Liniengebilde auf die Horizontlinie.

"Ich malte, was sich vor meinen Papieren und Leinen zeigte", schreibt der Künstler, "die Wolken, die Wogen, eine Dünenphantasie [..]. Ich sah die erregte und wilde Schönheit, die abends ihre Feuerfinger über den Himmelsbogen ziehen lässt in letzten schwebenden Wolkenstreifen, in loderndem, glühendem Farbenwechsel vergehend. Ich fühlte die Schwüle der Stunde, ich fühlte sie wie Glut und Funkensprühen, malend, malend in naturgetreuer, gehorsamster Empfindsamkeit, wie erhaltenen Befehlen gehorchend." (Emil Nolde, in: Reisen, Ächtung, Befreiung, S. 104). Allerdings ist die Natur dabei lediglich als Eingebungs- und Inspirationsquelle zu verstehen, nicht als an den Künstler gerichtetes Diktat. Er erklärt: "Die Natur kann dem Künstler, wenn er sie lenkt, eine wunderbare Helferin sein; aber die Kunst oder der Künstler ist sie nicht, das ist nur er selbst" (Nolde, 9.10.44).

Insbesondere ab den späten 1930er Jahren lebt das Paar in Seebüll eher zurückgezogen, ganz bei sich und auf Emil Noldes Malerei fokussiert. Trotz Noldes Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig werden bis 1937 insgesamt über 1100 Werke Emil Noldes aus deutschen Museen beschlagnahmt und in Teilen in der Ausstellung "Entartete Kunst" öffentlich diffamiert. Ab etwa 1933 widmet sich Nolde in seinem künstlerischen Schaffen auch deshalb vermehrt den Landschafts- und Blumendarstellungen sowie Dünen- und Meeresbildern. 1935, im Entstehungsjahr der hier angebotenen Arbeit kämpft der Künstler mit seiner schweren Krebserkrankung, was seine Schaffenskraft und seinen enormen künstlerischen Tatendrang jedoch nicht sonderlich geschmälert haben kann. Einem Journalisten einer Berliner Zeitung gesteht er nur wenig zuvor während der Präsentation einiger Skizzen und Entwürfe: "Ich möchte noch fünfzig Jahre Leben, um all diese Bilder malen zu können". Die damalige Leidenschaft des virtuosen Aquarellisten ist auch in der hier gezeigten Arbeit mit ihrem charmanten, außergewöhnlichen Format und ihrer kontrastreichen, leuchtenden Farbigkeit noch heute deutlich spürbar. [CH]
280
Emil Nolde
Marschlandschaft, Um 1935.
Aquarell
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 118.750

(inkl. 25% Käuferaufgeld)