Auktion: 496 / Evening Sale am 06.12.2019 in München Lot 115

 
115
Lovis Corinth
Eisbahn im Berliner Tiergarten, 1909.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 250.000
Ergebnis:
€ 487.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Eisbahn im Berliner Tiergarten. 1909.
Öl auf Leinwand.
Berend-Corinth 379. Unten rechts signiert und datiert. 66 x 92 cm (25,9 x 36,2 in).

• Beschwingte Berliner Parklandschaft.
• Anzeichen auf das expressionistische Spätwerk des Künstlers.
• Der Jahreszeit entsprechendes Kolorit von ausdrucksstarker Strahlkraft.
• Auf der großen Corinth-Retrospektive 1996/97 gezeigt
.

PROVENIENZ: Galerie Arnold, Dresden (1913).
Galerie Thannhauser, München (1916).
Galerie Arnold, Dresden (1925).
Sammlung Blohme, Hamburg (1925 vom Vorgenannten erworben).
Helene Wolff, Berlin (nach 1926).
Kunsthandlung Malmedé und Geißendörfer, Köln.
Christie's London 13.10.1994, Los 111.
Privatsammlung Süddeutschland (seit 1994).
Versteigerung unter Vorbehalt der abschließenden Klärung einer Provenienzfrage.

AUSSTELLUNG: Lovis Corinth. Katalog der Ausstellung des Lebenswerkes von Lovis Corinth, veranstaltet von Paul Cassirer in den Räumen der Sezession, 19.1.-23.2.1913, Nr. 135.
Galerie Arnold, Dresden, Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, 1925, Nr. 6 (hier datiert: 1907).
Kunsthandlung Hugo Perls, Berlin, 1850-1925: 75 Jahre klassische deutsche Malerei, Nr. 7.
Lovis Corinth - Retrospektive, Haus der Kunst, München, 4.5.-21.6.1996; Nationalgalerie Berlin, 2.8.-20.10.1996; Saint Louis Art Museum, 14.11.1996-26.1.1997; Tate Gallery, London, 20.2.-4.5.1997.

LITERATUR: Georg Biermann, Lovis Corinth, Bielefeld 1913, S. 76 und S. 80, Abb. 81 (hier datiert: 1907 und Besitzvermerk Galerie Arnold, Dresden).
Katalog der Modernen Galerie Thannhauser München, 1916, S. 105 (mit Abb.).
Will Grohmann, Dresden, in: Der Cicerone, Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers, 17. Jg., 1925, H. 23, S. 1140f. (hier datiert: 1907).
Paul Schumann, Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts. Ausstellung der Galerie Arnold, Dresden, in: Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur, 41. Jg, 1925/26, S. 164 (hier datiert: 1907).
Robert Bertrand, Lovis Corinth, Paris 1940, Nr. 5 ("Patinage"; hier datiert: 1905).
Thomas Corinth, Lovis Corinth. Eine Dokumentation, Tübingen 1979, S. 87.
Christie’s London, 13.10.1994, Lot 111.
Walter Benjamin, Berliner Chronik, Neuausgabe Berlin 2016, Farbabb. (Titel).
• "[E]ine der seltenen Proben für die Landschaftsmalerei des Künstlers": "die ganz flott und impressionistisch hingesetzte 'Eisbahn'" - Georg Biermann, 1913.

Essay
"Die Fahnen! Das ist ein Extragebiet! Wenn es wo Fahnen gab, war er schnell bei der Hand zum Malen. Schon in Horst, als ich ihn kennenlernte, war es mir ungewohnt und drollig, wenn er von den Fahnen schwärmte, die da und dort wehten", erinnert sich Charlotte Berend-Corinth (zit. nach: C. Berend-Corinth, Mein Leben mit Lovis Corinth, München 1960, S. 66f.). Vermutlich begegnet sie erneut dem Gemälde "Der Neue See im Berliner Tiergarten" (1908, Kunsthalle Mannheim) mit dem Bootsverleih, dem Bootshaus und den vielen Länderfahnen, das ihr Mann 1908 im Berliner Hochsommer malt. Vielleicht aber auch begegnet sie von Neuem diesem im Winter 1909 von Corinth gemalten Werk "Eisbahn im Berliner Tiergarten" bei ihrem Händler Heinrich Thannhauser.
Corinth musste nicht weit gehen, bis er von seinem Atelier in der Klopstockstraße zu dem beliebten Ausflugsziel der Berliner gelangte und vielleicht ein Bier im Bootshaus trank, sich Notizen machte von dem bunten Treiben im Sommer mit den Ruderbooten und im Winter mit den Schlittschuhläufern. Der Große Tiergarten hat eine lange Geschichte. Erste Anlagen als Jagdrevier außerhalb der Stadtmauer entstehen im 16. Jahrhundert und werden von Friedrich dem Großen Anfang der 1740er Jahre zu einem barocken Lustpark für die Bevölkerung umgestaltet. König Friedrich Wilhelm III. wiederum beauftragt 1818 den jungen Peter Joseph Lenné, damals noch Gartengeselle in Sanssouci, einen Landschaftspark nach englischem Vorbild zu realisieren. Bis heute hat sich die zwischen 1833 und 1839 verwirklichte Idee des großen preußischen Gartenkünstlers im Prinzip erhalten: Der Tiergarten ist die grüne Lunge und bildet das Zentrum der Stadt Berlin. Damals wie heute ist der Tiergarten ein beliebtes Ausflugsziel. Corinth malt aus einem etwas anderen Blick den Bootsanleger mit den ineinander verschachtelten Holzhütten, mit der markanten, in den Farben des deutschen Kaiserreiches gehaltenen Einfassung entlang des Ufers am Neuen See. Die Boote sind eingelagert, der zugefrorene See ermöglicht den Schlittschuhläufern einen wunderbaren sportlichen Zeitvertreib. Und Corinth widmet sich auch den Flaggen wie schon bei dem Gemälde "Der Neue See im Berliner Tiergarten" mit großer Aufmerksamkeit, allerdings sind sie ein wenig aus dem Fokus gerückt und als Girlande wie Lampions über das Eis gespannt, etwas kleiner vermerkt. Neben den vier schwarzen, weißen und roten Fahnen des Deutschen Reiches sind auch die der Schweiz, Frankreichs und der Vereinigten Staaten undeutlich zu erahnen. Es ist scheinbar kalt an diesem Tag. Corinth sieht den gräulichen Himmel leicht gerötet, die laubfreien Bäume stehen schwarzbraun gegen den Himmel, das Eis ist fest, ein Paar gleitet gemeinsam über die grauweiße Fläche, im Hintergrund üben sich Schlittschuhläufer in Figuren. Winterlandschaften mit Eisläufern von Pieter Breughel d. Ä. aus dem 16. Jahrhundert kommen als Motiv in den Sinn. Corinth kennt diese Motive und genießt das bunte, unbeschwerte Treiben, erzählt seine Begegnung am zugefrorenen See im Berliner Tiergarten mit schnell gesetztem Pinselduktus expressiv in seiner malerischen Geste und mit der typischen Intensität der Farben. [MvL]
115
Lovis Corinth
Eisbahn im Berliner Tiergarten, 1909.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 250.000
Ergebnis:
€ 487.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)