Auktion: 494 / Klassische Moderne am 07.12.2019 in München Lot 514

 
514
Otto Nagel
Petristrasse im Regen, 1940.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 10.000 - 15.000
+
Objektbeschreibung
Petristrasse im Regen. 1940.
Öl auf Leinwand.
Schallenberg-Nagel 433. Links unten signiert und datiert. Verso von fremder Hand alt betitelt und bezeichnet "Demaskierung / Max Ludewig - Berlin / V.33" sowie mit einer alten Werknummer "9.33". 58 x 78 cm (22,8 x 30,7 in).
Otto Nagel hat 1940 aufgrund der Materialknappheit während des Zweiten Weltkrieges als Bildträger für das vorliegende Gemälde eine bereits von einem anderen Künstler bemalte Leinwand verwendet und mit seinem eigenen Werk "übermalt". Das darunter liegende Gemälde stammt laut Signatur und Bezeichnung verso von dem heute kaum bekannten Berliner Künstler Max Ludewig.
• Erste Fassung dieser Motivik. Die ein Jahr später entstandene Replik unseres Gemäldes befindet sich in der Sammlung der Nationalgalerie Berlin (vgl. Schallenberg-Nagel 460).

PROVENIENZ: Otto Linke, Berlin (Freund des Künstlers, verso mehrfach mit Adressstempel).
Heinz Willmann, Berlin / Deutsches Komitee der Kämpfer für den Frieden (1950/51).
Privatsammlung Berlin.
Privatsammlung Niedersachsen.

AUSSTELLUNG: Otto Nagel - Werke aus drei Jahrzehnten, Deutsche Akademie der Künste, Berlin; Museum der Bildenden Künste, Leipzig, 1950/51.
Berliner Bilder von Otto Nagel, Deutsche Akademie der Künste, Berlin 1954.

LITERATUR: Otto Nagel, Berliner Bilder, Berlin 1979, S. 13.

Aufrufzeit: 07.12.2019 - ca. 18.24 h +/- 20 Min.

Essay
Der Berliner Maler Otto Nagel zählt in den 1920er Jahre zu den führenden Realisten um Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, George Grosz und Otto Dix. Ab 1923 ist Nagel, der Mitglied der Kommunistischen Partei ist, an allen maßgeblichen Ausstellungen in der Hauptstadt beteiligt. Bereits 1926 erwirbt die Stadt Berlin auf der Akademieausstellung die Ölstudie "Arbeitsnachweis", 1928/29 erwirbt das Städtische Museum Stettin das heute verschollene Doppelporträt "Arbeiterbrautpaar". Ludwig Justi, bis 1933 Direktor der Nationalgalerie Berlin, schreibt 1947 rückblickend in der von ihm verfassten Nagel-Biografie über die Einzelausstellung 1931 in der Kunsthandlung Victor Hartberg am Lützowufer: "Lautes, vielstimmiges Echo im Blätterwald, Anerkennung der gesamten Presse, in manchen Zeitungen hochtönend, in wenigen mit leisen Vorbehalten." (zit. nach: O. Nagel, 1894-1967, Gemälde - Pastelle - Zeichnungen, Berlin 1984, S. 24.). Durch seine Mitarbeit in einer antifaschistischen Widerstandsgruppe hat der Künstler jedoch nach Machtergreifung der Nationalsozialisten unter zunehmender politischer Verfolgung zu leiden. Mit Erhalt des Malverbotes 1934 widmet er sich fortan nach der Erinnerung seiner Frau Walli der alltäglichen Schilderung seiner Heimatstadt Berlin. "1934 hatte Otto Nagel das offizielle Schreiben erhalten mit dem Verbot, weiterhin in seinem Atelier zu malen: >Nun gut, dann gehe ich eben und male auf der Straße. Berlin wird ab heute mein Freiluftatelier!<" (zit. nach: ebd., S. 29).
Spätestens jedoch im Entstehungsjahr unserer Arbeit wird die Berliner Innenstadt zum vorrangigen Gegenstand seiner Malerei: "Die ersten Bomben fielen auf Berlin. Ich war mir damals klar, daß die Stadt ein Trümmerfeld werden würde, und versuchte hier eine Aufgabe zu erfüllen, indem ich möglichst viel von dem festhielt, was in Gefahr stand, vernichtet zu werden!" (O. Nagel, Mein Leben 1952, S. 40f, zit. nach: ebd. S. 30). Die in der vorliegenden Arbeit dargestellte Petristraße in Alt-Berlin hat schließlich die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges überdauert, fiel jedoch 1969 der städtebaulichen Modernisierungsfreude der DDR zum Opfer. Eine 1941 entstandene Replik unseres Gemäldes befindet sich in der Sammlung der Nationalgalerie Berlin (vgl. Schallenberg-Nagel 460). Wie die Bezeichnung verso und darunterliegende Farbschichten sowie ein abweichender Pinselduktus nahelegen, hat Nagel unsere schöne Arbeit wohl in seinem "Freiluftatelier" auf einer bereits von einem anderen Künstler bemalten Leinwand geschaffen. Möglicherweise könnte es sich aber bei dem heute unbekannten Künstlernamen "Max Ludewig" auch um ein nach Machtergreifung der Nationalsozialisten verwendetes Pseudonym des Künstlers handeln, unter dem er 1933 zunächst eine möglicherweise systemkritische Arbeit mit dem Titel "Demaskierung" geschaffen und 1940 schließlich mit der vorliegenden, lichterfüllten Stadtansicht übermalt haben könnte. [JS]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Otto Nagel "Petristrasse im Regen"
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