Auktion: 484 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 24.05.2019 in München Lot 60

 

60
Karl Hagemeister
Kemnitzer Heide, 1893.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 25.000
Ergebnis:
€ 46.250

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Kemnitzer Heide. 1893.
Öl auf Leinwand.
Warmt G 281. Rechts unten signiert und datiert. Verso auf dem Keilrahmen mit verschiedenen handschriftlichen Nummerierungen und Bezeichnungen sowie einem alten Besitzeretikett. 73,5 x 119,5 cm (28,9 x 47 in).

•Gemälde aus der entscheidenden Stilfindungsphase zu einer impressionistischen Naturaufassung.

Wir danken Frau Dr. Hendrikje Warmt, Karl Hagemeister Archiv & Werkverzeichnis, Berlin, für die freundliche Auskunft.

PROVENIENZ: Moderne Gemälde aus dem Nachlass A. W. von Heymel, Sammlung M. Pickenpack u. A.; Kunstsalon Paul Cassirer Berlin und Hugo Helbing München, Versteigerung am 8. März 1917, Nr. 43, mit Abb.
Adolf Sulzberger, Berlin (beim Vorgenannten erworben).
Moderne Gemälde, die Sammlung Albrecht Guttmann und Nachlass eines Berliner Sammlers, Kunstsalon Paul Cassirer, Berlin, Auktion 15. bis 17. Mai 1917, Nr. 18 ("Heidelandschaft [Heidekrautbüsche, im Hintergrund ein See, bewölkter Himmel] 74 x 116 cm", o. Abb.; wohl aus der Sammlung des Vorgenannten).
Karl Ernst Henrici Berlin, Oelgemälde und Handzeichnungen des 19. Jahrhunderts: Versteigerung: 26.-27. Oktober 1917, Nr. 64 (beim Vorgenannten erworben).
Karrenbauer Auktionen, Konstanz 2003 (laut Warmt).
Potsdamer Kunstsalon in der Villa Mendelssohn, Postdam.
Privatsammlung Brandenburg (2009 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Moderne Gemälde aus dem Nachlass A. W. von Heymel, Sammlung M. Pickenpack u. A.; Kunstsalon Paul Cassirer Berlin und Hugo Helbing München, Ausstellung 4.-7. März 1917, Nr. 43, mit Abb.

"Wenn ich in die Natur hinausgehe, und es sei auch an eine Stelle, die ich ganz genau kenne, so bin ich gar nicht imstande, mich sofort hinzusetzen und zu malen. Ich muß vielmehr immer erst längere Zeit still die Umgebung auf mich wirken lassen und mich ganz mit der Stimmung durchsättigen, die aus der gegenwärtigen atmosphärischen Verfassung sich um mich ausbreitet. Wenn ich dann den Grundton eingesogen habe, so bringe ich ihn als beherrschenden Farbakkord auf die Leinwand. Und diese Grundierung bleibt die Dominante, auf der das ganze Bild aufgebaut wird" (zit. nach: Karl Hagemeister, in: Hendrikje Warmt, Hagemeister, Berlin 2016, S. 29)

Unser Werk, eine Uferansicht aus der Kemnitzer Heide zeigend, ist durchwirkt von einem frischen, leuchtenden Grasgrün. Das frühlingshafte Idyll der Uferzone mit hohen Schilfgräsern, fedrigen Büschen und weiß bis gelb leuchtenden Heideblumen wird durch einen heftigen Wind gebrochen. Die im dynamischen Duktus auf die Bildfläche gesetzten wehenden Gräser und der gelblich-grau gefärbte Horizont verheißen dem Betrachter ein aufziehendes Gewitter, das die nachmittägliche Ruhe des beschaulichen Frühlingsnachmittags in der Heide zu brechen droht. Mit nur wenigen Mitteln schafft es Hagemeister, die Atmosphäre seiner Umgebung und seine eigene Stimmung beim Malen derselben auf die Leinwand zu bannen und auf den Betrachter zu übertragen.
Im Herbst 1892 zieht Karl Hagemeister von Ferch in den Entenfang bei Geltow, bei dem es sich um ein dicht bewaldetes, wasserreiches Gebiet in der Mark Brandenburg handelt. Geprägt durch die örtliche vielfältige Tier- und Pflanzenwelt entstehen in der Folgezeit impressionistisch geprägte Havellandschaften, in denen der gewählte Naturausschnitt oft in extremer Nahsicht auf die große Leinwand gebracht ist. Die üppige Flora und Fauna der Uferzonen bestimmen in pastoser Malweise den Vordergrund des Bildes, während der Hintergrund durch seine lasierende Malweise nicht nur optisch, sondern auch materiell zurücktritt: “Das, was er vor sich sah, wollte Hagemeister erleben und wiedergeben. Deswegen stand er inmitten der Natur, umgeben von hohen Gräsern, Gebüsch oder Astwerk. Zentral vor der Staffelei platziert, umgab ihn nur Natur. Wie bereits in Dürers großem Rasenstück (1503) dargestellt wurde, begann durch eine extreme Aufsicht das Detail eindringlicher zu wirken.” (zit. nach: Hendrikje Warmt, Hagemeister, Berlin 2016, S. 141f.). Unser Werk aus dem Jahr 1893 ist ein ausgezeichnetes Beispiel für diese Vorgehensweise und Schaffensphase Karl Hagemeisters, der in dieser Zeit die stilllebenartige Form der Naturdarstellung zugunsten einer lebendigeren, momenthafteren Auffassung überwindet. In diesem Sinne zählt Hagemeister zu den wichtigen Wegbereitern einer modernen und progressiven Landschaftsmalerei in Deutschland, von der das hier angebotene Werk unmittelbar Zeugnis ablegt. [FS]



60
Karl Hagemeister
Kemnitzer Heide, 1893.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 25.000
Ergebnis:
€ 46.250

(inkl. 25% Käuferaufgeld)