Auktion: 415 / Klassische Moderne am 06.06.2014 in München Lot 322

 
322
Ernst Ludwig Kirchner
Sennkopf (Martin Schmied), 1917.
Holzschnitt
Schätzung:
€ 50.000
Ergebnis:
€ 73.200

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Sennkopf (Martin Schmied). 1917.
Holzschnitt.
Dube H 308 I (von II). Signiert. Wohl eines von 50 Exemplaren. Auf festem Blotting-Papier. 50 x 39,4 cm (19,6 x 15,5 in). Papier: 57 x 44,4 cm (22,4 x 17,5 in).
Die Exemplarangabe von 50 Blättern stammt von Gustav Schiefler und ist sicher nicht erfüllt, bisher sind etwa 20 - 25 Exemplare bekannt. [CB].
Diese Arbeit wurde seit den 1990er Jahren erst zweimal auf dem internationalen Kunstmarkt angeboten. (Quelle: artprice.com).
Wir danken Herrn Prof. Dr. Günther Gercken für die wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Privatsammlung Baden-Württemberg.

Nach dem Abschluss seines Architekturstudiums in Dresden, während dessen er Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennenlernt und mit diesen bereits künstlerisch zusammenarbeitet, entscheidet sich Ernst Ludwig Kirchner gegen den Wunsch seines Vaters ganz für die Malerei. Der intensive Austausch der vier Freunde führt 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft "Die Brücke" - mit dem Ziel "alle revolutionären und gärenden Kräfte an sich zu ziehen" (Schmidt-Rottluff). Die Gruppe orientiert sich zunächst an Künstlern des Spätimpressionismus. Die Entdeckung der Fauves, der Südsee-Kunst und der Werke van Goghs führt die Maler zum Expressionismus. Infolge der Begegnung mit der Kunst der italienischen Futuristen verändert sich der Malstil der Gruppe um 1910, er wird "härter". 1911 siedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin über. Die Großstadt bietet ihm eine Fülle neuer Motive, die Kirchner in vereinfachten, scharf konturierten Formen, expressiven Zügen und grellen Farbkontrasten umsetzt. Die Großstadtbilder werden zu Inkunabeln des Expressionismus und machen Ernst Ludwig Kirchner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die folgenden Jahre bedeuten einen Wendepunkt in Kirchners Leben. Die Kriegsereignisse und der Militärdienst stürzen Kirchner in existenzielle Angst, führen letztlich zu Krankheit und langen Sanatoriumsaufenthalten.

Im Sommer 1917 verbringt Kirchner einige Monate in einer Hütte auf der Staffelalp oberhalb von Davos. Hier entstehen 13 Holzschnitte, die zu den Höhepunkten in Kirchners ¼uvre zählen. In den Schweizer Bergen festigt sich seine nervliche Situation, befreit vom Druck der Kriegsangst und eingebunden in eine bäuerliche Großfamilie auf dem Hof "In den Lärchen". Dieser Ort und die dort lebenden Menschen geben Kirchner Ruhe und Kraft. Und von dieser erzählt auch das dargestellte Porträt von Martin Schmid, eine Art Vaterfigur für den Künstler, die er in diese heile, für ihn heilende Welt einbettet. Da Kirchner keine Druckpresse zur Verfügung steht, führt er den Druckabzug von den Holzstöcken per Hand mit Reiber und Falzbein aus. Dieser besondere Umstand verleiht jedem einzelnen der im Farbauftrag leicht variierenden Abzüge den Charakter eines Probedruckes, wie ihn keine durch einen professionellen Drucker ausgeführte Auflage besitzen kann.

1918 lässt sich Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos nieder. Um 1920 beruhigt sich Kirchners expressive Malweise, die Bilder erhalten eine teppichhafte Flächigkeit. 1923 zieht der Künstler in das "Haus auf dem Wildboden" am Eingang zum Sertigtal, wo er bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 lebt und arbeitet.

322
Ernst Ludwig Kirchner
Sennkopf (Martin Schmied), 1917.
Holzschnitt
Schätzung:
€ 50.000
Ergebnis:
€ 73.200

(inkl. 22% Käuferaufgeld)