Auktion: 404 / Post War/ Zeitgenössische Kunst am 20.04.2013 in München Lot 739

 
739
Helmut Middendorf
Häuserpilze, 1979.
Acryl auf Leinwand
Schätzung:
€ 10.000
Ergebnis:
€ 16.250

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Häuserpilze. 1979.
Acryl auf Leinwand.
Verso signiert und datiert. 220 x 176 cm (86,6 x 69,2 in).
Besonders großformatige und farbkräftige Arbeit des berühmten Vertreters der "Heftigen Malerei".

Mit einer Fotoexpertise vom Künstler vom 13.05.2013.

Während seiner Studienzeit 1973-79 an der Berliner Hochschule der Künste experimentiert Middendorf mit verschiedenen aktuellen künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten. Noch 1975 sind seine Arbeiten von scharfkantigen, stereometrischen Körpern geprägt. Durch die Anregungen seines Lehrers Karl Horst Hödicke, dem Ziehvater der Neuen Expressionisten in Berlin, wendet sich Middendorf jedoch in den späten siebziger Jahren einer gegenständlichen, betont malerischen Gestaltungsweise zu. Man zählt ihn zur Gruppe der "Jungen Wilden", die eine "heftige Malerei" proklamieren. In verschiedenen farblichen Kombinationen variiert Middendorf serienmäßig Themen, die aus der direkten Umgebung und der persönlichen Erfahrung gewonnen werden.
1977 begründet Middendorf mit anderen Hödicke-Schülern die legendäre "Galerie am Moritzplatz" in Berlin-Kreuzberg, die neben Malerei, Zeichnung und Objektkunst auch Filme, Fotos und Performances zeigt. Seit 1979 hat Middendorf einen Lehrauftrag für Experimentalfilm an der Hochschule der Künste in Berlin, ein Medium, mit dem er sich parallel zur Malerei bereits während seines Studiums beschäftigt hat.

Gerade Middendorfs Leidenschaft für den Film fließt stetig in seine Malerei ein. In seiner Großstadtmalerei, die er zusammen mit seinem Lehrer Hödicke und Rainer Fetting in den 1970er Jahren bahnbrechend im Sinne Ludwig Meidners erneuert, sind deutlich die Einflüsse fotografischen und filmischen Sehens zu spüren. Die Arbeit Häuserpilze von 1979 steht am Beginn seines Durchbruchs, den er ein Jahr später mit der Serie 'Großstadteingeborene' oder 'Electric Lights' im Berliner Haus am Waldsee während der Gruppenausstellung "Heftige Malerei" hat. Die für Middendorf typischen Bildmerkmale, wie Ausschnitte von Wirklichkeit durch künstliche Lichtquellen grellfarbig zu illuminieren und zudem fiktional zu überhöhen, sind in dieser Arbeit offensichtlich. Es handelt sich um die zweite von insgesamt drei Varianten, die alle den gleichen Titel tragen.

Nach seinem Studienaufenthalt in New York 1980 zieht Middendorf nach Berlin Kreuzberg und setzt sich dort weiter konsequent mit den Eindrücken des Großstadtlebens auseinander. "Malerei ist für mich nur interessant, wenn die Intensität, die ich von außen erlebe, sich in die Intensität der Bilder umsetzt. Natürlich ist dabei auch irgendetwas Imaginiertes [.] Ich versuche nie, das, was ich privat erlebe, in Bildformeln zu fügen, sondern die Arbeit geht darüber hinaus. Sie reflektiert die gegenwärtige Situation im größeren Kontext. Daraus versuche ich, Bilder zu entwickeln, Momente zu zeigen, die eine Art von Dualität haben, die sich einerseits direkt auf mich, andererseits auf den Gesamtkontext bezieht. Das ergibt im glücklichen Falle ein eindeutiges Bild, das über mich hinausweist." (zit. nach: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, München 1988, S. 2).Die direkte Betroffenheit, verbunden mit gleichzeitiger Wunschprojektion, die die Auseinandersetzung Middendorfs mit der Alltagswirklichkeit in Berlin und New York kennzeichnet, weicht in den jüngeren Arbeiten einer größeren emotionalen Abgeklärtheit. Über die Reduktion der Farbe und schließlich durch die Hinwendung zu neuen Themen findet er zu einer experimentellen Offenheit zurück. Die "schwarzen Bilder", die Ende der 1980er Jahre entstehen und sein eigenes Leben, seine Position als Künstler reflektieren, sind Zeichen für einen neuen Aufbruch. [KP/AS]

739
Helmut Middendorf
Häuserpilze, 1979.
Acryl auf Leinwand
Schätzung:
€ 10.000
Ergebnis:
€ 16.250

(inkl. 25% Käuferaufgeld)