Auktion: 406 / Moderne Kunst am 08.06.2013 in München Lot 68

 
68
Albert Birkle
Damenbildnis - Elisabeth Starosta mit Chiffon-Bluse und Hut, 1923.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 18.000
Ergebnis:
€ 51.240

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Damenbildnis - Elisabeth Starosta mit Chiffon-Bluse und Hut. Wohl um 1923/24.
Öl auf Leinwand.
Kraker 447. Rechts unten signiert. 85 x 65 cm (33,4 x 25,5 in).
Eine von zwei Versionen dieses Motives.

Wir danken Roswita und Victor Pontzen, Archiv und Werkbetreuung Albert Birkle, Salzburg, für die freundliche Unterstützung.

PROVENIENZ: Neue Münchner Galerie, München (um 1980 vom Künstler erworben).
Privatsammlung Süddeutschland.

Albert Birkle beginnt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine Lehre als Dekorationsmaler im väterlichen Betrieb. Ab 1918 studiert er an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin-Charlottenburg bei Ferdinand Spiegel und Paul Plontke. Als jüngstes Mitglied findet Birkle 1923 Aufnahme in der "Berliner Sezession" und ein Jahr später in der von Max Liebermann als Präsident geleiteten "Preußischen Akademie der Künste". Während dieser Studienjahre formt er einen religiös-sozialkritischen Realismus mit neusachlichen Zügen aus, der vor allem in seinen eigenwilligen Charakterköpfen karikaturistische Momente annimmt. 1924 heiratet Birkle die Kunstgewerblerin Elisabeth Starosta. Unmittelbar nach dem Hochschulabschluss wird er Meisterschüler von Prof. Arthur von Kampf an der Preußischen Akademie der Künste.

Inmitten der sozialkritischen Charakterporträts nehmen die seltenen Darstellungen, die Birkle von seiner Frau, der Kunstgewerblerin Elisabeth Starosta, schafft, eine Sonderstellung ein. In der Klarheit der Linie und der Entrücktheit der Dargestellten sind deutliche Anklänge der Neuen Sachlichkeit erkennbar. Motivische Parallelen in den Skizzenbüchern lassen vermuten, dass Birkle das mondäne Porträt der jungen Geliebten kurz vor der Eheschließung der beiden im Jahr 1924 geschaffen hat. Im Gegensatz zu den wenigen späteren Porträts, welche Elisabeth Starosta in deutlich extrovertierterer Pose zeigen, spiegelt die vorliegende Arbeit in eindrucksvoller Weise das scheinbar paradoxe Zusammenspiel von Vertrautheit und Distanz einer noch jungen Liebe. Unsere Arbeit ist vermutlich die frühere von zwei Gemäldeversionen, welche Birkle von seiner Verlobten in Chiffon-Bluse und Hut geschaffen hat (vgl. Ketterer Kunst, Auktion 371, Los 116). In der vorliegenden Variante tritt uns Birkles Liebe gänzlich ohne Schmuck und in sinnlich transparenter Chiffon-Bluse gegenüber.

1927 findet in Berlin die erste Einzelausstellung Birkles in der Galerie Hinrichsen statt. Im selben Jahr lehnt der Künstler die Berufung an die Königsberger Akademie ab, um Aufträge für kirchliche Wandmalereien ausführen zu können. 1932 siedelt er nach Salzburg über. In den 1930er Jahren verlieren sich in Birkles Werk die sozialkritisch zugespitzten Tendenzen; Landschaften und Industriemotive werden stimmungshafter und monumentaler. Dieselben Bilder, mit denen der Künstler 1936 Deutschland auf der Biennale in Venedig vertritt, werden 1937 vor Ausstellungseröffnung im Haus der Deutschen Kunst in München entfernt und weitere Werke aus öffentlichen Sammlungen als "entartet" beschlagnahmt. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, meldet sich Birkle freiwillig zum Reichsarbeitsdienst, wodurch ihm vorübergehend der Militärdienst erspart bleibt. Als Kriegsmaler führt der überzeugte Pazifist einen Freskoauftrag in der Kaserne in Glasenbach aus und wird als Kriegsberichterstatter nach Frankreich geschickt. 1946 erhält Birkle die österreichische Staatsbürgerschaft und wirkt in seiner neuen Wahlheimat vor allem als religiöser Glasmaler, der in der Anwendung der aus Frankreich kommenden "Dalleglas-Technik" neue Wege beschreitet. 1958 wird Birkle der Professorentitel verliehen. Die 1950er und 1960er Jahre sind erfüllt von einem intensiven Schaffen auf dem Gebiet der Glasmalerei. Es entstehen zahlreiche bedeutende Werke und Fensterzyklen religiös-dekorativer Prägung. Im expressiven malerischen und zeichnerischen Spätwerk greift Birkle - sich als "Chronist der Zeit" verstehend - auf frühere Motive der 1920er und 1940er Jahre und deren sozialkritische Tendenzen zurück. Auch in seinen biblischen Darstellungen findet sich das Mittel des kritischen Zeitkommentars wieder. Am 29. Januar 1986 stirbt Albert Birkle in Salzburg. [JS].

68
Albert Birkle
Damenbildnis - Elisabeth Starosta mit Chiffon-Bluse und Hut, 1923.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 18.000
Ergebnis:
€ 51.240

(inkl. 22% Käuferaufgeld)