Auktion: 400 / Moderne Kunst am 08.12.2012 in München Lot 20

 
20
Ernst Ludwig Kirchner
Zwei Modelle im Atelier, 1908.
Farbige Kreidezeichnung
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 85.400

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Zwei Modelle im Atelier. Um 1908/09.
Farbige Kreidezeichnung.
Verso mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570b) und der handschriftlichen Registriernummer "Fs Dre/Bg 42". Auf leichtem Karton. 43 x 34,5 cm (16,9 x 13,5 in), Blattgröße.
Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv Wichtrach/Bern dokumentiert.

PROVENIENZ: Privatsammlung Norddeutschland.

Nach dem Abschluss eines Architekturstudiums in Dresden, während dem Ernst Ludwig Kirchner Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennenlernt und mit diesen bereits künstlerisch zusammenarbeitet, entscheidet sich Ernst Ludwig Kirchner gegen den Wunsch seines Vaters ganz für die Malerei. Der intensive Austausch der vier Freunde führt 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft "Die Brücke" - mit dem Ziel "alle revolutionären und gärenden Kräfte an sich zu ziehen" (Schmidt-Rottluff). Die Künstler beginnen mit den "Viertelstundenakten", den Zeichnungen nach Aktmodellen im Atelier oder in der Natur. Die Gruppe orientiert sich zunächst an Künstlern des Spätimpressionismus. Die Entdeckung der Fauves, der Südsee-Kunst und van Goghs führt die Maler zum Expressionismus.

"Nackte Menschen in freier Bewegung waren für die Maler der 'Brücke' das zentrale Thema. Es ging ihnen nicht darum, in traditioneller akademischer Manier ein Figurenideal zu studieren, sondern sie wollten das tatsächliche Leben unverfälscht in ihrer Kunst wiedergeben, und dieses war am unmittelbarsten in der natürlichen Bewegung nackter Menschen zu erfahren. Mit ihren Freundinnen trafen sie sich in den verschiedenen Ateliers, die zugleich ihre Wohnungen waren. Künstlerische Arbeit ging unmittelbar und selbstverständlich in das persönliche Leben ein. Szenen mit mehreren nackten Menschen, Frauen und Männern, gehören zu den häufigsten Motiven bei Kirchners Zeichnungen der Jahre 1908 bis 1911." (zit. nach: Lucius Grisebach, Ernst Ludwig Kirchner 1880 - 1938, Köln 1995, S. 23). Die Spontanität wird noch durch den akzentuierten Einsatz der expressiv-farbigen Kreiden unterstrichen.

Infolge der Begegnung mit der Kunst der italienischen Futuristen verändert sich der Malstil der "Brücke"-Gruppe um 1910, er wird "härter". Ernst Ludwig Kirchner studiert die Plastik im Dresdner Völkerkundemuseum. Unter diesem Eindruck haut und schneidet Kirchner Holzplastiken. 1911 übersiedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin. Die Großstadt bietet ihm eine Fülle neuer Motive, die Kirchner in vereinfachten, scharf konturierten Formen, expressiven Zügen und grellen Farbkontrasten umsetzt. Diese Großstadtbilder werden zu Inkunabeln des Expressionismus und machen Ernst Ludwig Kirchner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die folgenden Jahre bedeuten einen Wendepunkt in Kirchners Leben. Die Kriegsereignisse und der Militärdienst stürzen Kirchner in existenzielle Angst, führen letztlich zu Krankheit und langen Sanatoriumsaufenthalten. Um so bemerkenswerter ist seine künstlerische Produktion in dieser Zeit. Es entstehen Werke wie der Holzschnitt "Frauen am Potsdamer Platz", die "Bilder zu Chamissos Peter Schlemihl", die Selbstporträts und Holzschnittbildnisse aus den Sanatorien, die zu den Höhepunkten seines ¼uvres zählen.
1917 lässt sich Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos nieder. Den Großstadtbildern folgen nun Gebirgslandschaften und Darstellungen ländlichen Lebens. Um 1920 beruhigt sich seine expressive Malweise, die Bilder erhalten eine teppichhafte Flächigkeit. Daneben entsteht ein bedeutendes grafisches Werk in Form von Holzschnitten, Lithografien und Federzeichnungen. 1923 zieht Ernst Ludwig Kirchner in das "Haus auf dem Wildboden" am Eingang zum Sertigtal, wo Kirchner bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 lebt und arbeitet. [JG].

20
Ernst Ludwig Kirchner
Zwei Modelle im Atelier, 1908.
Farbige Kreidezeichnung
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 85.400

(inkl. 22% Käuferaufgeld)