Auktion: 360 / Moderne Kunst am 12.12.2009 in München Lot 143

 
Ernst Ludwig Kirchner - Die Nachtwandlerin


143
Ernst Ludwig Kirchner
Die Nachtwandlerin, 1916.
Lithografie
Schätzung:
€ 15.000
Ergebnis:
€ 19.520

(inkl. 22% Käuferaufgeld)

Lithografie
Dube L 327. Verso mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570 b) und der handschriftlichen Registriernummer "L 309 IId". Auf kartonstarkem Velin. 42,3 x 31,8 cm (16,6 x 12,5 in)Papier: 52 x 42 cm (20,4 x 16,5 in).
Sehr selten. Bislang nicht auf dem Auktionsmarkt angeboten (Quelle: Gordon´s).

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland.

Nach dem Abschluss eines Architekturstudiums in Dresden, während dessen Ernst Ludwig Kirchner Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennenlernt und mit diesen bereits künstlerisch zusammenarbeitet, entscheidet sich Ernst Ludwig Kirchner gegen den Wunsch seines Vaters ganz für die Malerei. Der intensive Austausch der vier Freunde führt 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft "Die Brücke". Die Künstler beginnen mit den "Viertelstundenakten", den Zeichnungen nach Aktmodellen im Atelier oder in der Natur. Infolge der Begegnung mit der Kunst der italienischen Futuristen verändert sich der Malstil der Gruppe um 1910, er wird "härter". Ernst Ludwig Kirchner studiert die Plastik im Dresdner Völkerkundemuseum. 1911 siedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin über. Die Großstadt bietet ihm eine Fülle neuer Motive, die Kirchner in vereinfachten, scharf konturierten Formen, expressiven Zügen und grellen Farbkontrasten umsetzt. Die Großstadtbilder werden zu Inkunabeln des Expressionismus und machen Ernst Ludwig Kirchner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die folgenden Jahre bedeuten einen Wendepunkt in Kirchners Leben. Die Kriegsereignisse und der Militärdienst stürzen Kirchner in existenzielle Angst, führen letztlich zu Krankheit und langen Sanatoriumsaufenthalten. Um so bemerkenswerter ist seine künstlerische Produktion in dieser Zeit. Es entstehen Selbstporträts und graphische Bildnisse aus den Sanatorien, die zu den Höhepunkten seines Œuvres zählen.

Im ausgesprochen seltenen Blatt der "Nachtwandlerin" von 1916 bleibt Kirchner der expressiven Linienführung der Berliner Großstadtbilder treu, setzt jedoch mit aggressivem, fast manischem Strich nicht etwa eine der geschmückten Damen am Potsdamer Platz, sondern jene sich hinter einem schützenden Umhang verbergende Nachtwandlerin in Szene, welche dem Betrachter orientierungslos und mit zerzaustem Haar gegenübertritt. Einen Großteil des Jahres 1916 verbrachte der psychisch stark durch die Erfahrungen des Kireges gezeichnete Kirchner im von Dr. Oskar Kohnstamm, Experte für Kriegsneurosen und Kriegshysterie, geleiteten Sanatorium in Königstein im Taunus. Aber auch hier findet der Künstler nicht zur Ruhe, sondern unterbricht seine Aufenthalte mehrfach, um nach Berlin und damit zu seiner künstlerischen Tätigkeit zurückzukehren. Kirchner ist ein Getriebener, wie die Diagnose seines Arztes aus dem gleichen Jahr belegt: "Bei Herrn Kirchner handelt es sich abgesehen von einer allgemeinen Schwäche seiner Konstitution, um einen nervösen Erregungszustand, bei dem Schlaflosigkeit und Missbrauch von Schlafmitteln im Vordergrund stehen." (zitiert nach E.W. Kornfeld: E.L. Kirchner. Nachzeichnung seines Lebens, Bern 1979, S. 65-66) Das thematisch außergewöhnliche Blatt der "Nachtwandlerin" ist als Personifikation der Schlaflosigkeit und des durch innere Unruhe Getriebenseins somit zugleich als metaphorisches Selbstporträt Kirchners rastloser Künstlerpersönlichkeit lesbar.

1917 lässt sich Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos nieder. Den Großstadtbildern folgen nun Gebirgslandschaften und Darstellungen ländlichen Lebens. Um 1920 beruhigt sich seine expressive Malweise, die Bilder erhalten eine teppichhafte Flächigkeit. 1923 zieht Ernst Ludwig Kirchner in das "Haus auf dem Wildboden" am Eingang zum Sertigtal, wo Kirchner bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 lebt und arbeitet. [JS].




143
Ernst Ludwig Kirchner
Die Nachtwandlerin, 1916.
Lithografie
Schätzung:
€ 15.000
Ergebnis:
€ 19.520

(inkl. 22% Käuferaufgeld)