Auktion: 368 / Moderne Kunst am 12.06.2010 in München Lot 53

 
Ernst Ludwig Kirchner - Doppelporträt

53
Ernst Ludwig Kirchner
Doppelporträt, 1928.
Aquarell
Schätzung:
€ 20.000
Ergebnis:
€ 25.620

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung

Aquarell und schwarze Kreide
Verso mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570 b) und der handschriftlichen Registriernummer "A Da/Ba 25". Auf leichtem, glatten Karton. 35,5 x 46,5 cm (13,9 x 18,3 in), blattgroß
Bei den Dargestellten handelt es sich vermutlich um das mit dem Künstler befreundete Ehepaar Hans Rohner und Lotte Kraft, die Kirchner 1928 und in den Folgejahren mehrfach Modell stehen. Vergleiche auch den Holzschnitt "Zwei Köpfe" aus demselben Jahr (Dube 594).

Die Arbeit ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern verzeichnet.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland.

Nach dem Abschluss eines Architekturstudiums in Dresden, während dessen Ernst Ludwig Kirchner Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennenlernt und mit diesen bereits künstlerisch zusammenarbeitet, entscheidet er sich gegen den Wunsch seines Vaters ganz für die Malerei. Der intensive Austausch der vier Freunde führt 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft "Brücke". 1911 übersiedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin. Die Großstadt bietet ihm eine Fülle neuer Motive, die Kirchner in vereinfachten, scharf konturierten Formen, expressiven Zügen und grellen Farbkontrasten umsetzt. Diese Großstadtbilder werden zu Inkunabeln des Expressionismus und machen Ernst Ludwig Kirchner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die folgenden Jahre bedeuten einen Wendepunkt in Kirchners Leben. Die Kriegsereignisse und der Militärdienst stürzen ihn in existenzielle Angst, führen letztlich zu Krankheit und langen Sanatoriumsaufenthalten. 1917 lässt sich Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos nieder. Den Großstadtbildern folgen nun Gebirgslandschaften und Darstellungen ländlichen Lebens. Daneben entsteht ein bedeutendes grafisches Werk in Form von Holzschnitten, Lithografien und Federzeichnungen.

1923 bezieht Kirchner, im Anschluss an seine große Ausstellung in der Kunsthalle Basel, das Wildbodenhaus am Eingang zum Sertigtal, das er für eine Jahresmiete von 240 Franken anmietet und für sein Zwecke umzubauen beginnt. Neben seinem Atelier und Schlafraum richtet er einen kleinen Raum mit einer Druckerpresse sowie ein kleines Gästezimmer ein. In den folgenden Jahren empfängt Kirchner, der sich zwar in die Einsamkeit der Schweizer Berge zurückgezogen hat, jedoch nicht seine zahlreichen Kontakte in die Kunstmetropolen Deutschlands und der Schweiz vernachlässigt, häufig Besuch. Im Frühjahr 1928 treffen erstmals der Maler Hans Rohner und dessen Frau, die Geigerin Lotte Kraft, bei Kirchner ein. Der Münchner Maler hatte in der Galerie von Günther Franke Arbeiten Kirchners gesehen und vermutlich über Franke die Bekanntschaft Kirchners gemacht. Man zeichnet und arbeitet gemeinsam, oft in freier Natur, wobei auch Rohners Frau mehrfach Modell steht. Im Sommer des Jahres 1928, in welchem auch unser in expressiver Farbigkeit und mit fast manischem Strich ausgeführtes Doppelporträt entsteht, hält Kirchner in seinem Tagebuch fest: "Marie und Besuch von Frau Rohner. Beide sind sehr frei und fanden das Akten durchaus natürlich." (zit. nach E.W. Kornfeld, Ernst Ludwig Kirchner. Nachzeichnung seines Lebens, Bern 1979, S. 270).

Im Jahr 1938 wählt der von Wahnzuständen und zunehmender Morphiumabhängigkeit gezeichnete Künstler den Freitod. [JS].

53
Ernst Ludwig Kirchner
Doppelporträt, 1928.
Aquarell
Schätzung:
€ 20.000
Ergebnis:
€ 25.620

(inkl. 22% Käuferaufgeld)