Auktion: 360 / Moderne Kunst am 12.12.2009 in München Lot 133

 
Emil Nolde - Tänzerin

133
Emil Nolde
Tänzerin, 1913.
Farblithografie
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 292.800

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung

Farblithografie
Schiefler/Mosel/Urban L 56. Signiert und von fremder Hand nummeriert "Aufl. Nr. 6". Exemplar Nr. 6 (von 35 Exemplaren der Auflage in fünf Farben). Hervorragender, farbfrischer Druck auf feinem Japan. 53 x 69,4 cm (20,8 x 27,3 in)Papier: 56 x 70,5 cm (22 x 27,8 in).
Bitte beachten Sie die Provenienz.

PROVENIENZ: Sammlung Bernhard Sprengel (seit Ende der 1920er Jahre).
Privatsammlung Niedersachsen.
Privatsammlung Süddeutschland.

Am 7. August 1867 wird Emil Hansen im deutsch-dänischen Grenzland geboren. Den Namen seines Heimatortes Nolde nimmt er später als Künstlernamen an. Nach einer Lehre als Möbelzeichner und Holzschnitzer 1884-88 in Flensburg arbeitet er für verschiedene Möbelfabriken in München, Karlsruhe und Berlin. Mit dem Entschluss, Maler zu werden, geht Nolde schließlich nach München, doch die Akademie unter Franz von Stuck lehnt ihn ab. Es folgt ein Studium an der privaten Malschule von Adolf Hölzel in Dachau und ab 1899 an der Académie Julian in Paris. 1900 mietet er ein Atelier in Kopenhagen und zieht 1903 auf die Insel Alsen. Durch die Auseinandersetzung mit den Neoimpressionisten Vincent van Gogh, Edvard Munch und James Ensor gelangt Nolde ab 1905 von seinem anfänglich romantischen Naturalismus zu einem eigenständigen Stil, in dem die Farbe eine wesentliche Rolle spielt; es entstehen farbintensive, leuchtende Blumenbilder. 1906 lernt Nolde während eines Aufenthaltes in Alsen die "Brücke"-Maler kennen, deren Gruppe er sich vorübergehend anschließt. Nach einer Kontroverse mit Max Liebermann wird Nolde aus der "Berliner Sezession" ausgeschlossen und gründet 1910 mit anderen zurückgewiesenen Künstlern die "Neue Sezession", an deren Ausstellungen er bis 1912 teilnimmt. Weniger vom Berliner Großstadtleben, das er in einigen expressiven Bildern festhält, als vom Primitivismus fasziniert, malt Nolde Stillleben mit exotischen Figuren und Maskenbilder. Von einer Expedition nach Neu-Guinea 1913 bringt er reiches Studienmaterial mit, das er in zahlreichen Werken noch bis 1915 verarbeitet.

Emil Nolde huldigt dem Tanz als eine der wenigen Ausdrucksformen, die ganz der spontanen Emotion unterliegen. Bereits 1909 hat er ausgelassen "Wild tanzende Kinder" gemalt und ein Jahr später entsteht der rauschhafte "Tanz um das Goldene Kalb". In seinem Gemälde "Kerzentänzerinnen" von 1912 wird das Rauschhaft-Extatische besonders deutlich, das auch in unserer seltenen Farblithografie "Tänzerin" wiederkehrt. Der eigentlich scheue Nordländer Nolde sieht den Tanz nicht im klassischen Sinne als Vollendung einer Körperbeherrschung, sondern fühlt sich vielmehr zu diesem als emotionaler, archaisch-ursprünglicher Ausdrucksform hingezogen. Seine Tänzerinnen sind nicht mehr von dieser Welt. Sie verkörpern den Übergang in eine Sphäre des Übersinnlichen, das alle menschliche Ratio ausschließt. Noldes "Tänzerin" gehört zu den freisten Figurenbildern in Noldes grafischem Schaffen. Darüber hinaus ist das erotische Element, das in der Farblithografie besonders angesprochen wird, eine wichtige Komponente, die Nolde hier bewusst ins Spiel bringt. Bereits in den Jahren vor seiner großen Südseereise 1913-1915 interessiert sich Nolde, auch einem Trend der Zeit folgend, für die Kulturen der Ureinwohner der Südsee. Dass dies nicht ohne Einfluss für seine weiteren Arbeiten bleibt, lässt sich am Beispiel der "Tänzerin" ablesen. In der nur achtwöchigen Zusammenarbeit mit dem Lithografie-Atelier Westphalen in Flensburg schafft Nolde seine wichtigsten und schönsten Lithografien, welche zu den bedeutensten Leistungen der expressionistischen Grafik zählen. Die "Tänzerin" gilt als der Höhepunkt unter jenen Blättern und kann als die herausragendste Leistung Noldes auf dem Gebiet der Druckgrafik bezeichnet werden.

Ab 1916 verbringt er den Sommer auf der Insel Föhr und lässt sich 1928 in Seebüll nieder. In den letzten Lebensjahren entstehen v.a. Aquarelle mit Blumen- und Landschaftsmotiven aus der näheren Umgebung seines Hauses in Seebüll, wo Nolde am 13. April 1956 stirbt. [KD].

133
Emil Nolde
Tänzerin, 1913.
Farblithografie
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 292.800

(inkl. 22% Käuferaufgeld)