Auktion: 350 / Moderne Kunst am 19.06.2009 in München Lot 228

 
Ernst Ludwig Kirchner - Staffelalp

228
Ernst Ludwig Kirchner
Staffelalp, 1917.
Aquarell
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 68.320

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Lot: 228
Ernst Ludwig Kirchner
1880 Aschaffenburg - 1938 Davos
Staffelalp. Um 1917-19.
Aquarell und Kreide.
Verso mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570 b) und der handschriftlichen Registriernummer "A Da/Aa 67". Auf chamoisfarbenem Zeichenpapier. 41 x 52,5 cm (16,1 x 20,6 in), blattgroß.

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland.

Nach dem Abschluss eines Architekturstudiums in Dresden, während dessen Ernst Ludwig Kirchner Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennenlernt und mit diesen bereits künstlerisch zusammenarbeitet, entscheidet sich Kirchner ganz für die Malerei. Der intensive Austausch der vier Freunde führt 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft "Brücke". Die Entdeckung der Fauves, der Südsee-Kunst und Van Goghs führt die Maler zum Expressionismus. Infolge der Begegnung mit der Kunst der italienischen Futuristen verändert sich der Malstil der Gruppe um 1910, er wird "härter". 1911 siedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin über. Die Großstadt bietet ihm eine Fülle neuer Motive, die Kirchner in vereinfachten, scharf konturierten Formen, expressiven Zügen und grellen Farbkontrasten umsetzt. Die Großstadtbilder werden zu Inkunabeln des Expressionismus und machen Ernst Ludwig Kirchner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die folgenden Jahre bedeuten einen Wendepunkt in Kirchners Leben. Die Kriegsereignisse und der Militärdienst stürzen Kirchner in existenzielle Angst, führen letztlich zu Krankheit und langen Sanatoriumsaufenthalten. Um so bemerkenswerter ist seine künstlerische Produktion in dieser Zeit. 1917 lässt sich Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos nieder.
Bald verlässt Kirchner jedoch den städtischen Kurort und zieht sich in die Einsamkeit der Berge zurück. Im Juni und August 1917 mietet er sich in einer Hütte auf der Staffelalp, oberhalb von Davos ein. Hier entstehen die ersten Zeichnungen und Holzschnitte mit Gebirgslandschaften und nach Motiven aus dem Leben der Bergbauern. Das unmittelbare Erlebnis der Berge soll von nun an im Mittelpunkt seiner Kunst stehen. Der Eindruck der Schweizer Alpen führt bei Kirchner nicht nur zu seelischer Stabilisierung, sondern auch zu erneuter Kreativität. Kirchner ist sich dieser positiven Wirkung seiner neuen Umgebung vollkommen bewusst, wenn er 1919 konstatiert: "Der gute van de Velde schrieb mir heute, ich solle doch lieber wieder ins moderne Leben zurück. [...] Das ist für mich ausgeschlossen. [...]. Ich habe hier ein reiches Feld für meine schöpferische Tätigkeit, dass ich es gesund kaum bewältigen könnte, geschweige denn heute. Die Welt in ihren Reizen ist überall gleich, nur die äußeren Formen sind andere. Und hier lernt man tiefer sehen und weiter eindringen als in dem sogenannten 'modernen' Leben, das meist trotz seiner reichen äußeren Form so sehr viel oberflächlicher ist." (zit. nach: Lucius Grisebach, Ernst Ludwig Kirchner 1880-1938, Köln 1995, S. 153). Die Ruhe unserer menschenleeren Almlandschaft wird durch die leuchtend-expressive Farbigkeit, den energischen Duktus und die überspitzen Formen der Berghütte und der Tannen durchbrochen. In dieser Balance zwischen Ruhe und Aufgewühltheit erscheint die Szenerie zu einem eindrucksvollen Psychogramm gesteigert.
Um 1920 beruhigt sich Kirchners expressive Malweise, die Bilder erhalten eine teppichhafte Flächigkeit. Daneben entsteht ein bedeutendes grafisches Werk. 1923 zieht Ernst Ludwig Kirchner in das "Haus auf dem Wildboden" am Eingang zum Sertigtal, wo er bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 lebt und arbeitet. [JS].

In sehr guter Erhaltung. Entlang der oberen Blattkante geringfügig bestoßen.

EUR: 40.000 - 60.000 DIFF.(19%)
US$: 54.560 - 81.840

228
Ernst Ludwig Kirchner
Staffelalp, 1917.
Aquarell
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 68.320

(inkl. 22% Käuferaufgeld)